Homunculus, Golem und Germany’s next Topmodel

6. Oktober 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Menschen erschaffen macht Spass und hat etwas plausibles, sonst wären nicht alle Schöpfungsmythen der Welt durchdrungen vom Basteldrang der Schöpfergötter. Bevorzugtes Ausgangsmaterial ist Lehm (Ton), uralter Werkstoff seit Gedenken der getöpferten Species selbst.

Wenn Menschen Menschen schaffen (und zwar richtige Menschen, keine Toaster mit Armen und Beinen) wählen sie am liebsten a.) ebenfalls Lehm, b.) Überreste anderer Menschen oder c.) geheimnisvolle Elixiere in einer Retorte. Man addiere einen Blitz als göttlichen Funken, und heraus spaziert kommt ein Wesen mit menschlichen Zügen und übermenschlichen Fähigkeiten.

Denn in Wirklichkeit sind es die besonderen Fähigkeiten, die das Menschenmachen interessant werden lassen. Der Homunculus, frühneuzeitliches Wunscherzeugnis der Alchemistenküchen, ist ein „weises Kind“, selten fähig zum Überleben außerhalb der Retorte, nicht alternd – aber auch nicht alt werdend – ein Flaschengeist, dem es in seiner Flashe ganz wohl ist und dessen Output in weisen Äußerungen seiner göttlichen Überlegenheit besteht. Ganz anders der Golem – wie der Mensch aus Lehm gebaut, ist er stumpfe Kraftmaschine und „universal soldier“, bereits erschaffen im Reifegrad der Vollendung. Die größte Beteiligung des Schaffenden am Self-made-man weist die Statue des Pygmalion auf, dessen Geschöpf durch die Zuneigung der Aphrodite gewissermaßen als Lob für das gelungene Werk mit Leben versehen wird. So macht man das also.

In der Kommunikation schaffen wir neben den „echten“ Menschen auch virtuelle mit demselben Namen, demselben Lächeln, denselben Muskeln; das ist nicht nur ein mediales Phänomen sondern auch im privaten Raum anzutreffen (sobald zwei über einen nicht anwesenden Dritten reden, wird dieser „virtualisiert“, der Abgleich dieser virtuellen Person mit der echten findet beim nächsten Treffen mit dieser statt – das Spannungsfeld zwischen Projektion, Erwartung und Erfahrung ist reizvoll und hält die Beziehung am Laufen. Die Rolle des „echten Treffens“ mit medial übersteigerten Persönlichkeiten wird, wen wundert es, durch andere Medien eingenommen. Statt eines Homunculus, Golems oder einer Pygmalion-Statue haben wir also mindestens zwei, in Wahrheit aber unzählige, denn schließlich wird über die Stars nicht nur ausschließlich in der Perzeption dessen, was aus Fernseher, Zeitung und Radio kommt, sondern auch zwischen den Menschen kommuniziert.

Unsere kleinen und großen virtuellen Golems, Pygmalion-Statuen und Homunculi zeichnen sich immer noch und immer wieder durch ihre besonderen Fähigkeiten aus; es geht darum, übermenschliches zu finden. Die Genialität des Ausgangsmaterials wird wie in den Alchemistenküchen wieder und wieder filtriert, destilliert, befragt und verworfen, bis ein Millionär „entsteht“; die schönsten Frauen werden so lange bearbeitet – geschminkt, trainiert, gebürstet, gebürzelt und drapiert – bis eine übrig bleibt, die zeremoniös zum Model-Leben erweckt werden kann. Die Muskelpakete des Golem finden ihre Entsprechung in Sportlerkarrieren, aber auch in Spontanerweckungen wie dem „Nessun‘ dorma!“ singenden Paul Potts.

Ist das denn alles so schlimm? Nö. Virtualisierung und Bildschöpfung sind ganz offensichtlich Facetten eines brummkreiselnden Spieltriebs, der sich wenig bis gar nichts aus den Tabus der o. a. Schöpfergötter macht – wie Steve Martin als Dr. Hrufuhurr auf den Vorwurf , er spiele Gott, sagte: „einer muss das ja machen“. Wer an die Öffentlichkeit tritt, inszeniert sich unweigerlich als Golem, Homunculus oder Statue, bereits deshalb, weil er so wahrgenommen wird – Individualität und Menschenwürde sind dem Übermenschen versagt. Letztlich ist es aber der durchgangene Schöpfungsprozess, der einen guten Teil des Interesses an diesen Kunstmenschen ausmacht, und die Reproduzierbarkeit desselben: wer so aussieht wie Paul Potts, kann eventuell so gut singen, wer so heißt wie Barbara Müller sieht eventuell so gut aus, und Millionär kann sowieso jeder werden.

Hinter der Versorgung mit Übermenschen steht natürlich, wie immer, das Gesetz von Angebot und Nachfrage; mehr als einen Potts hielten weder unsere Ohren noch unser Verstand aus, die Telekom wäre auch nie bereit, einen ganzen Chor von singenden Pummeln zu sponsern. Auch Germanys next Topmodel tritt irgendwann in die Reihen der anonymen Katalogschönheiten zurück, und der Millionär verschwindet wieder in seinem Bildungsbürgerleben … es ist eben doch der Spaß am Machen, nicht der Spaß am Haben, der das Menschenmachen so reizvoll macht.

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