Wir bitten um Ihr Verständnis (Sie müssen leider draußen bleiben)

30. Oktober 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Fans von Christina Aguilera können sich deren Platten kaufen, wenn sie das Geld dafür haben; Fans exklusiver Automarken haben da eher Pech, denn „Exklusivität“ bedeutet schließlich, dass der größere Anteil der Interessierten bitte draußen bleiben soll. Da aber der Gott Mammon auch eine milde und liebevolle Gottheit sein kann, wenn es sich für ihn lohnt, schuf er das Merchandising: und so wedeln die armen Jünger Ferraris und Porsches mit Schlüsselanhängern, beäugen Modelle in der Vitrine oder hissen als öffentliches Zeichen der devoten Peinlichkeit Polyesterfahnen mit Logos in den Vorgärten verarmender Vorstädte.

Fußballfans haben es einfacher und schwerer, sie können sich als Mitglied anmelden und so gewissermaßen die Arschtritte und Höhenflüge gruppenanteilig selber kassieren, die „ihr Verein“ einsteckt. Für Kinder unter sechs Jahren ist das meistens sogar kostenlos, die emotionale Partizipation wird also in einem der prägendsten Zeiträume mit der großen Kelle ausgeteilt (auch wennd er familiäre Rückhalt da Trost bieten kann, wenn z. B. der gleichfalls als Fan angemeldete Erziehungsberechtigte das Losertum mit seinem Kind teilt; nur Unmenschen melden ihr Kind als Fan für einen Absteigerverein an und schütten wöchentlich Hohn und Spott über ihn aus).

Aber Unmenschen von solchem verdrehten Grad der Raffinesse gibt es wenige. Im Allgemeinen liegt der Begeisterung für eine Gruppe (Musik, Fußball, Autofahrer) der Wunsch zugrunde, Teil dieser Gruppe zu sein.

So auch Bahn-Fans. Bahn-Fans fahren Bahn. Sie begeistern sich an der technischen Errungenschaft, an der Ästhetik von Stahl und Geschwindigkeit, am Männer-Kick des großen Unterfangens, tausende Tonnen Metall überall in der Gegend in geordneten Bahnen herum liegen zu haben. Und das beste: Bahn-Fans haben Teil an der Bahn. Als staatliches Unternehmen ist die Perfektion des Bahnbetriebs Symbol staatlicher Perfektion, Bahnbegeisterung ergo Zeichen eines technologischen Patriotismus (bzw. eines übergreifenden Nationalismus, wenn man die Bahnbegeisterung auf die Eisenbahnen in verschiedenen Ländern versteht).

Mit der Privatisierung wird die Begeisterung der Bahn-Fans einen Wandel erleben müssen: von der Nähe zu den Fußballnationalbegeisterten Deutschlandfähnchenaufstellern wird ein Wandel eintreten zur hoffnungslosen Draußengebliebenheit der mit Merchandising und Abfall abgespeisten Nichtdazugehörenden. Die Bahn gehört dann nämlich nicht mehr „uns“, auch wenn sie das noch so gerne vermitteln würde; „wir“ sind dann Kunden, In-Anspruch-Nehmer von Dienstleistungen, die armen Säcke am flehenden Ende der Hotlines –– wie das bereits mit anderen staatlichen Betrieben geschah (und an den Warteschlangen der Post, vor den Benachrichtigungsscheinen der DHL und in den Warteschleifen der Telekom täglich zu spüren ist).

Sicher wird es weiter Bahn-Fans geben: Nostalgiker. Die können sich dann mit DDR-Fans, Kaiserzeit-Fans und anderem anachronistischen Gemüse die Hand reichen. Motivation durch die Begeisterung des Dazugehörens ist damit nicht zu erreichen; diese Form der Begeisterung definiert sich über den Schmerz des Ausgeschlossenseins (und zwar durch die Zeit; kein Lottogewinn kann z. B. die DDR zurückbringen).

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