Mach‘ mal was Neues

5. Januar 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die letzten beiden Blog-Einträge gelöscht, da sich der Gedanke „lieber öfter etwas weniger schreiben“ nicht durchhalten ließ – es wurde daraus ein „lieber seltener etwas weniger schreiben“ und das Geschriebene bekam den leichten Hautgout von überheblicher Aphoristik. Davon lasse ich mal lieber die Finger. Nicht jeder kann sich auf einen Schlammringkampf mit Oscar Wilde einlassen (und überhaupt sollten Aphorismen lieber von anderen überliefert werden als vom Autor selbst, das hat sonst etwas von Eigenlob, dessen Geruch ist nicht jedermanns Sache).

Also: Neues Jahr: Neues Glück. Neues Design! Aber was ist denn neu? Neu ist, wenn alle anderen den Dreh noch nicht drauf haben. Neu ist, wenn genug Leute etwas nicht mehr mies sondern schön finden, um den Miesfindern entschlossen Paroli bieten zu können. Neu ist auch, etwas so altes wiedergefunden zu haben, dass ein bisschen Aufbürsten es in neuem Glanz erstrahlen lässt.

Der Prediger Salomo (Kohelet) verkündet: es gibt nichts Neues. Man könnte auch sagen: es gibt nur noch Neues, selbst das Alte zeichnet sich durch Besonderheit aus, was es in einem Meer von Neuheiten wiederrum zu etwas so Außergewöhnlichem macht, dass es den Status „Neu“ reklamieren kann.

Während der Weihnachtsferien habe ich in aller Ruhe und Besinnlichkeit das schöne Buch „The God Delusion“ gelesen, ein ergreifendes Pamphlet für mehr Menschlichkeit und die Großartigkeit der Evolution. Design hingegen ist kein evolutionäres Ding (man könnte die Entwicklung von Schrift vielleicht als solches bezeichnen, auf keinen Fall aber Design in seiner Gesamtheit).

Design entwickelt sich eher nach dem Mem-Prinzip: Ideen reproduzieren „sich selbst“ durch Menschen, welche die Ideen in Teilen aufgreifen, weiter- oder zurückentwickeln: dabei ist es belanglos, ob die Ideen nun in Herculaneum ausgegraben, in Köln-Deutz an die Wand gesprüht oder Dir von Deiner Freundin ins Ohr geflüstert wird. Eine in Herculaneum ausgegrabene Idee hat z. B. den ganzen Klassizismus des späten 18. und des 19. Jahrhunderts losgetreten. Ein Graffito in Köln-Deutz beeinflusst eventuell das nächste Logo eines multinationalen Konzerns. Was Deine Freundin Dir gerade ins Ohr geflüstert hat, verstehst Du nicht, bzw. falsch, aber Du hast mit einem Mal eine zündende Idee, welche Dir den Nobelpreis einbringt. Herzlichen Glückwunsch!

Das Blöde am Design im Vergleich zum Mem ist die Nicht-Verbundenheit von Form und Idee: so könnte das Graffito in Köln-Deutz seine Vorlage in einer herculaneischen Vase haben, die Freundin Dir eine nobelpreiswürdige Idee ins Ohr flüstern, die Du nicht verstehst, oder ein Graffito aus Herculaneum per „Schmetterlingsflügelschlag“ eine Kulturrevolution auslösen, die den Nobelpreis abschafft, obwohl das Geflüster Deiner Freundin Dir diesen eingebracht hätte. Schade!

Zurück zum Verständlichen: Nicht-Verbundenheit von Form und Idee. Ein Button auf einer x-beliebigen Website kann aussehen, als würde er glühen, als wäre er aus Plastik, als wäre er aus Pappe. Seine „Idee“ ist nur die Funktion; diese Idee wird vielleicht durch die Anmutung des „als wäre er“ auf- oder abgewertet. Die „memetische“ Linie kommt schon beim Button als Bündel an: als Mem der Funktion und als Mem der Aufwertung. Ersteres folgt einem Hauptstrang, der sich als dicke Stahltrosse durch den Komplex der Internetnutzung zieht; letzteres formt eine Apfelmännchen-Roccaille, die sich in selbstgleiche ähnliche Förmchen und Adaptiönchen aufspaltet, bis es hinterher in einer anderen (ähnlichen) Form aufgeht.

Einen dieser eigendynamischen Schnörkel habe ich in „Designchen Designchen“ hier schon beschrieben, andere findet man wie Pilze, wenn man sie nur sucht. Für ein einfaches Ding wie eine niedliche Maneki-Statuette oder einen peppigen Wandkalender könnte man Kriminalromane der memetischen Entwicklung schreiben; Kriminalromane deshalb, weil meistens irgend ein Gestaltungsprinzip bewusstlos geschlagen und ausgeplündert wird. Der Inspektor in diesen Kriminalromanen wäre müder als Columbo und trauriger als Mr. Monk, und wenn irgend ein Nobelpreis des Weges kommt, dann nicht der für Literatur.

Advertisements

Tagged:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Mach‘ mal was Neues auf Der alte Montagsfisch.

Meta

%d Bloggern gefällt das: