Zum Platzen

8. März 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Kommunikation und – innerhalb dieser – Werbung bedient sich der Bündelung von Techniken zur Verdichtung von Aussagen innerhalb der Begrenzungen eines Mediums. Mit einem Blick sollen Bild, Text und die feinen Zwischenwirkungen des Zusammenspiels eine emotionale Aussage hervorrufen (im besten Fall ein Bekenntnis, oder einen Wunsch). Und es gibt Anzeigenmotive und Formen der Werbekommunikation, in denen sämtliche Symbole, Zeichen, ästhetischen und gestalterischen Parameter auf eine einzige Kernfrage hinlaufen, die im Bewusstsein des Publikums eingebrannt wird. Diese Frage lautet, häufiger als nicht, „Was soll der Scheiss?“.

Dabei ist gerade bei solchen Motiven die Auflösung der Frage durch Analyse der Motive bestürzend einfach. Schönstes Beispiel neuester Zeit ist die Plakatkampagne für das DuMont-Carré, eine Inner-City-Mall mit hervorragender Lage, unübersichtlicher und schnarchiger Architektur und verzweifelten Bemühungen des Besitzers, diese Mall zum funkelnden, glänzenden Zentrum der Stadt zu machen.

Hier platzt gleich was.

Hier platzt gleich was.

Der erste Eindruck: ein feister Junge brabbelt was von Neid angesichts einer spärlich gefüllten Einkaufstüte.

Der zweite Eindruck: das Kind ist ungesund dick. In seinem Dudley-Dursley-Gesicht glänzt der Speck, garantiert lebt es ein gehänseltes und gequältes Leben zwischen Sportunterricht und Abschlussball. Sein Grinsen ist frech und abstoßend, die Körperhaltung eher Abwehr als Offenheit. Die zugeordnete Aussage „Die werden Platzen vor Neid“ ist erst einmal ungezielt; wer sind „die“? Der „Neid“ legt nahe: Bezugspersonen, gegenüber denen sich Dudley verteidigen muss. Steckt in der Tüte eine Wunderwaffe gegen Übergewicht? Vermutlich nicht: die mageren drei Labels, die aus der Tüte hängen, tragen die Logos von „Kult“ (Kleidung, aber nicht auf Übergrößen spezialisiert) und „ProMarkt“ (Elektrogeräte, aber eher bieder). Das dritte „Zoo Carré“ bietet vermutlich irgendwas in Käfigen.

Die primäre Aussage lautet: Im DuMont-Carré gibt es alles, was man im modernen Statusfünfkampf an der Schule braucht: Szeneklamotten, Computerkram, domestizierte Fauna. Die Aussage im Subtext lautet: fette Loser kaufen sich hier aus einem bestürzend geringen Angebot Waren, mit denen sie sich verzweifelt in ihrem Umfeld zu repräsentieren versuchen.

Würde die Tüte platzen vor Inhalten, würde mit der Reanimation eines 90er-Jahre-Zombies — der kläglich wie der Kloß im Sport scheiternden, versuchten positiven Konnotation von Neid — ein provozierender Tabu-Bruch vollzogen, das Plakat wäre vielleicht erfolgreiche Werbung, die den Betrachter nur im Zweifel lassen würde „wo und was zum Teufel ist das DuMont-Carré?“. Kommunikation jedoch ist im DuMont-Umfeld eher von hausbackener Beschaulichkeit geprägt als von Brillianz und Esprit. Der feiste Neidwanst soll wohl „ne leeve kölsche Panz“ sein, das Armutszeugnis „Die werden platzen vor Neid“ ist in den Augen der Auftraggeber vermutlich von brisanter Aktualität. Die Labels an der Tüte — nun, wahrscheinlich haben die Werbeleute nicht mehr Teilnehmer zusammenbekommen von den Pächtern des Carrés. Man muss ja auch als Werbemensch mit dem zurechtkommen, was man hat. Und damit Schluss.

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