Altkleidersammlung

9. April 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir haben das Jahr 2009, eigentlich sollten die Autos längst fliegen, die Menschen auf dem Mars rumlatschen und alle aussehen wie die Filmstars, wollte man den hoffnungsvollen Utopien folgen. Den negativen Utopien folgend müssten wir mit nietenbesetzten Lederjacken und Feuerwaffen um die Häuser ziehen, aber während die negativen Utopien (oder kurz: Dystopien) ihre Aktualität und damit auch das Design bewahren, fliegen die Reste der Utopien auf den Müll oder in die Altkleidersammlung.

skim_com

Skim.com war ein Startup der erfolgreicheren Sorte. Trendige Klamotten (schlicht war trendy) mit einem Online-Konzept dahinter: eine sechsstellige Nummer, fast wie eine Telefonnummer, für alle sichtbar am Hals oder am Nacken des Klamottenträgers/trägerin angebracht, wird von sexuell oder auch nur an Gedankenaustausch Interessierten notiert und dient zur Kontaktaufnahme: schreibe Mail an 123456@skim.com und komme in Kontakt mit dem oder derjenigen im petrolfarbenen Oberteil.

Wie standen die Chancen, tatsächlich wirklich einmal in die Inbox stieren zu dürfen und sich über eine Mail „Hi! Habe dich bei Stüssgen an der Käsetheke gesehen. Habe mich gewundert, was ein hübsches Mädchen wie du von der Luhmannschen Strukturtheorie hält! Gruß, Bernd“ freuen zu können? Nicht so gut in den Zeiten, als jeder Camembert mit einem Mail-Account verkauft wurde, die Modems noch surrten und Spam noch von Hand sortiert werden musste. Meine Frau lief lange Jahre mit dem Shirt durch die Gegend, mitunter sogar mit dem Zahlen-Halsband. Als zusammen mit Skim.com der Mailaccount eingestellt wurde, kam das numeröse Kropfband aus der Mode und versteckte sich irgendwo. Sic transit.

Es mag heute brüllend komisch erscheinen, überhaupt mit einer offen sichtbaren E-Mail Adresse durch die Gegend zu rennen – genausogut könnte man ja seine Telefonnummer irgendwo draufdrucken. Mail ist kein spontanes Medium. Im besten Falle böte eine solche Hemd-Adresse Mauerblümchen Kontaktaufnahme, im schlimmsten hätte man einen Stalker am Bein. Mail ist auch kein Wegwerfprodukt, man wechselt nicht seine Adresse mit einem verschwitzten Shirt. Nicht mehr.

Und trotzdem tut es weh, dieses „shirt of mail“ in die Altkleidersammlung zugeben. So schön, so hoffnungsvoll waren die Zeiten, als Internetkommunikation am Leib getragen werden konnte, als die Konzepte mutig waren und das Geld locker. Trotz der Geistesverwandtschaft der „Kleidung mit Adresse“ mit alten Konzepten von Musik per Telefon und farbigem Faxen umweht das Hemd große Wind dessen, was da hätte sein können, auf der vergessenen Wäscheleine der Kommunikationsgeschichte.

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