Tausend Worte und ein Bild

31. August 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich in Bonn: 1a Wahlwetter, Wolken segeln gemächlich am Himmel, die Bürger gehen spazieren, die Bürgerhunde kacken auf die Gehwege und ich bin früh unterwegs, weil ich meine Frau zu einem Seminar in die Konviktstraße bringe. Es ist Wahltag. Und auf den teuren Citylight-Plakatsäulen (die von innen beleuchteten, die abend zu zusätzlicher Energieverschwendung auch noch Licht- und Informationsverschmutzung in die Welt pumpen) kleben Bilder eines hübschen Mädchens mit afrikanischem Migrationshintergrund, das sich schier krank lachen möchte; drüber steht „Bonn geht wählen.“ Drunter: „Verschenken Sie Ihre Stimme nicht.“

Das Bild, das mehr als 1000 Worte sagt.

Das Bild, das mehr als 1000 Worte sagt.

Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte, und diese Worte sind:

„Ich sage nichts aus, ich stehe hier nur rum und bin schön. Ich bin doch schön, oder? Frauen könnten mich sympathisch finden, Männer von zwanglosem Sex träumen und Kinder zumindest die lustige Tante in mir sehen. Ach, ich bin einfach nett. Ich lache, Mensch, lachen steckt an, warum stehst du dann eigentlich immernoch so blöde rum und guckst? Du sollst mitlachen! An der nächsten Ecke steht noch so ein Plakat, da musst du wieder lachen. Stimmt doch. Ich bin ja soo nett, und hübsch bin ich auch. Und bürgerliche Mitbestimmung ist auch irgendwie total nett und hübsch. Das musst du auch einsehen, schließlich lache ich ja, und auf Lachen reagiert man nicht mit blödem Hinterfragen und trauriger Nörgelei, sondern mit Zustimmung und Mitlachen. Komm, lach’ doch mit! Schließlich bin ich ein hübsches Mädchen, Moment, das sagt man nicht, man sagt junge Frau, ich bin schon im Wahlalter, da darf man nicht mehr Mädchen genannt werden und auch „junge Frau“ ist irgendwie doof, das sagen nur die Rentner mit Nickelbrille, die sich nicht trauen, „Frollein“ zu sagen und damit meine sexuelle Konsumierbarkeit mit dem Edding-Marker unterstreichen … hallo! Haalloo! Ich emotionalisiere hier! Das ist schwere Arbeit, muss die ganze Zeit kichern vor der Kamera, glaubt mir überhaupt jemand dass ich eine abgeschlossene Schauspielausbildung habe? Den ganzen Tag lang emotionalisieren ist echt nicht leicht! Vor allem, wenn ich selber eigentlich nicht weiss, wofür. Denn mein Foto ist an einen Stockfoto-Katalog verkloppt worden, ich könnte jetzt genau so gut Werbung für Zahnpflege machen (denn ich habe tolle Zähne, nicht wahr?); ich könnte auch die Aussagen eine Lebensversicherung oder einer Krankenkasse unterstützen (denn offensichtlich bin ich lebendig, sieht man ja, Tote lachen nicht, oder doch, das nennt sich „Rigor Mortis“, das ist aber eklig und kommt nicht von Herzen), und um ganz ehrlich zu sein hätte mein Lachen und mein hübsches Gesicht dort besser Verwendung gefunden. Ich weiss wirklich nicht, was ich hier verloren habe. Da bin ich nun so fröhlich, lebenslustig und lebendig, ich lache mir einen Ast, so als ob ich gekitzelt würde oder mit Kichern machenden Drogen bestäubt worden wäre, und ich weiss nicht warum … halt, doch! Da steht „Verschenken Sie Ihre Stimme nicht.“, das heißt, ich lache über die Knalldeppen, die nicht wählen gehen. Vielleicht verspreche ich auch den Wählenden zwanglosen, netten Sex. Oder das Erfolgsrezept für gute Zähne. Dass hagere Rentner mit Nickelbrillen sich meiner Gunst erfreuen können; dass dicke Hausfrauen, die ihre unglücklichen Hunde beim Spazierengehen tragen müssen, plötzlich so aussehen wie ich. Und dass die ganzen Grün-Alternativen Nasen mit einem Mal sexy und attraktiv und gut und lebensfroh und was weiss ich sind, weil die ja eh wählen. Da sind die Interpretationsspielräume offen, weil, wo Beliebigkeit herrscht, ist eben jede Interpretation möglich. So könnte es auch sein, dass ich in Wirklichkeit hier das Hassobjekt alter Nazis darstelle: Geh bloss wählen, deutscher Kamerad, sonst lacht sich das multiethnische Flittchen mit satter Mehrheit ins olivenfarbene Fäustchen, während du mit deiner Partei völkischer Reinheit dumm rumsitzt, deine Stimme verschenkt hast und mit allem Volk und Führer nicht über 5 Prozent kommst. Eine Interpretation wie diese ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich, und angesichts der vielen Rentner mit Nickelbrillen in Bonn sogar ganz gut möglich. Pass bloss auf! Eines Tages sind wir multiethnischen Spaßvögelchen dann in der Mehrheit, und wenn du in die Kirche gehen willst, haben wir sie dir geklaut und „Moschee“ dran geschrieben, dann musst du deiner Trulla nen Tschador verpassen und die Schuhe ausziehen, bäh. Aber im Moment lache ich noch heimtückisch mein rot-grünes Multikulti-Lächeln. Das ist, wie gesagt, nicht persönlich gemeint, es ist eigentlich gar nicht richtig gemeint, jeder kann in mir sehen, was er will, und das sit vollkommen ok so. Viel Spass beim Hineininterpretieren! Offensichtlich geht das ja mit allem. Eigentlich kann man mir nur eines nicht unterstellen, und das ist zerfleischende Brutalität, Kinderfressen, Welpentreten, Katzen am Schwanz ziehen, Omas die Treppe runterschmeißen, Freunde des Geldes wegen betrügen/verlassen und mit Aktiengeschäften Volkswirtschaften in den Ruin, mich aber auf Platz 1 in der Rangliste der skrupellosesten Geschäftsfrauen katapultieren. Obwohl das letztere natürlich möglich ist, zumindest theoretisch. Das mit dem Omas die Treppe runter schmeißen kann man ja immer noch – und wenn ich es mir genau überlege, dann ist Schadenfreude auch eine Option für mein ansteckendes Lachen. Sogar ein ziemlich gutes. Du blöder Sack hast deine Stimme verschenkt, jetzt wirst du nicht etwa nur nicht im Stadtrat repräsentiert, sondern fällst auch noch in einen offenen Kanal und haust dir deine nicht krankenversicherten Vorderzähne aus. So ein blödes Pech. Kann ich da was für? Nö. So sehe ich echt nicht aus. Ich sehe aus wie ein liebes, nettes Mädchen, besser gesagt: liebe nette junge Frau, die aktiv ist, einen Beruf oder eine Ausbildung hat, einen Freund hat, der lieb und nett zu ihr ist und auch eine Ausbildung/einen Beruf hat, der kein „White Trash“ ist, zur Mittelschicht gehört, der sich mit seinen Eltern gut versteht und der auch irgendwie was mit Kultur am Hut hat. Ja ehrlich! Ich würde eine gute Schwiegertochter abgeben, nette Kinder bekommen, mindestens drei, die auch gut aufziehen und so auf sie einwirken, dass sie dich, geneigte/r Betrachter/in dieses Plakats, nicht in deinem hohen Alter die Treppe herunter schmeißen, nur um die statistische Alterspyramide herumzudrehen. Vielleicht sehe ich für dich sogar aus wie staatlich geprüftes Pflegepersonal, bist du schon so alt? Ich meine, Schönheit findet sich im Auge des Betrachters. Deshalb falle ich dir ja immer wieder ins Auge. Man hätte hier auch eine Dampfmaschine oder guten Bornheimer Spargel abbilden können, aber Dampfmaschinen und Spargel haben mehr bildhafte Aussage als nette Mädchen. Nette Mädchen sagen gar nichts, sollen sie auch nicht, Schnauze halten, nett lachen, und das Reden und Denken den fetten traurigen Männern überlassen, die auf allen Plakaten in der Stadt herumhängen. Emotionalisieren (Sie erinnern sich? Das ist meine Aufgabe auf diesem Plakat) ist eine verteufelt schwere Arbeit. Die Arbeit des Emotionalisierens liegt darin, im Hirn des zu Emotionalisierenden eine hormonelle Reaktion auszulösen. Ich bin an der Sinngewinnung und –findung weder interessiert noch beteiligt. Das hier sind jetzt 1014 Worte, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

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