Wer kennt diese Frau?

16. Dezember 2009 § Ein Kommentar

Kennt die jemand? Ich meine, eigentlich ist das ein schönes Motiv: eine Frau, nett, locker, steht da und bekennt sich zumindest im zweiten Satz des Motivs zu einem Grundrecht. Redefreiheit gehört zur Meinungsfreiheit wie Pressefreiheit und Internetfreiheit, wenn „Telefonieren ohne Ende“ das Medium ist, in dem sich diese Freiheit, Aussagen zu machen, eine Bahn bricht, dann nur zu.

Wie gesagt: eigentlich ist das ein schönes Motiv. Eigentlich heisst: eigentlich ist es kein schönes Motiv. Denn: um eine werbliche Aussage zu sein, ist die Frau zu normal: kein Model, sondern ein Mädel, wie sie in den Kleingruppen nachpubertierender oberer unterer Mittelschichtnachwüchse rumhängen. Die Körperhaltung ist schluffig, die Haare ungemacht, Klamotten aus dem Schrank. So jemand geht nicht zum „Superstar“ und hofft auf eine Aschenbrödelkarriere, so jemand führt ein normales Leben.

Eigentlich: eigentlich nicht. Denn neben der abgebildeten Frau, die ihre persönliche, unangreifbare Würde hat, gibt es eine technische Ausführung des Plakats: und die ist geradezu hemmungslos schlecht. Das Foto ist schlecht ausgeleuchtet, die Farben sind mies abgestimmt, die Platzierung in den Klebelinien des Plakates aufs deformierendste daneben. Was soll das? Können die Fotografen, die Producer, die Drucker ihr Handwerk nicht mehr?

Wer kennt diese Frau?

Gewalt gegen Redefreiheit

Eigentlich ein schönes Motiv. Eigentlich kein schönes Motiv. Schönheit ist im Auge des Betrachters, der Betrachter hat die Augen im Kopf, und zu irgend was anderem als Gucken und Telefone dranhalten muss der Kopf doch gut sein! Hier findet sich allerdings nichts, was der kulturellen Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, durchgesetzt gegen jahrtausendealte Traditionen des Chauvinismus, der religiösen und sozialen Rollenzuweisung, auch nur ein bisschen Respekt zollen würde: Frauen dürfen reden. Ein kleines grünes Kleidungsstück hätte aus der redefreien Frau eine Frau des iranischen zivilen Widerstands gemacht. Ein Kopftuch hätte sie in eine selbstbewusste Muslima verwandelt, die sich ihr Recht zu reden nicht nehmen lässt. Nur Details, aber sie hätten die Schleusentore der Bedeutung geöffnet, sperrangelweit.

Nun liegt die nette, gewöhnliche Frau und ihr Statement begraben unter den Monolithen der Ängstlichkeit in der Aussage, denn jegliche Spitze der Bedeutung hätte ja jemanden pieksen können: „Telefonieren ohne Ende“ deckelt die Redefreiheit zur bloßen Schwafelfreiheit, das Fehlen jeglicher Attribute macht sie zur Frau ohne Eigenschaften. Plapper nur weiter, dummes Mädchen.

Und die miese handwerkliche Ausführung macht sie häßlich.

Nb. Es fehlt jegliche Anbindung in irgendein anderes Medium. Alleingelassen ist sie auch noch.

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§ Eine Antwort auf Wer kennt diese Frau?

  • Clara sagt:

    Die handwerkliche Ausführung ist in der Tat unter aller Kanonen – und wenn das Werbung für das Telefonieren ist,
    dann hast du sehr gute Ideen dazu gehabt.

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