Ein Automat für religiöse Gefühle

21. Dezember 2009 § Ein Kommentar

Roboterengel von "Idee und Spiel"

Rette meine elektrische Seele

Gebetsroboter stehen zum Verkauf, die Geschenkidee für Weihnachten. Falte die Hände, und das Ding spricht ein vorher aufgenommenes Gebet. Die Idee ist nicht neu: bei Douglas Adams‘ „Elektrischem Mönch“ handelte es sich um eine – wiewohl fiktionale – künstliche Intelligenz. Beim „Beschütze-mich-Engelchen“ von „Idee und Spiel“ handelt es sich um eine künstliche Idiotie. Die Puppe enthält einen Aufnahme- und Wiedergabemechanismus, der das „Engelchen“ bedenkenlos einfältige Kindergebete ebenso wie Lästerungen, Flüche und heidnische Beschwörungen wiederholen lässt. Andere mechanische Religionshilfsmittel wie z. B. die tibetanische Gebetsmühle geben hier keinen Freiraum. Wenn man – nach einer der beiden gängigen Interpretationen des Wortes – das Wort Religion von religere, „immer wieder lesen“, herleitet, sollte doch irgendwie klar sein, dass das, was gelesen wird – oder vorgelesen – einen (wenn auch nur religiösen) Sinn hat. Das Gebet ist notwendig: Bestätigung, Beschwörung, Bekräftigung des Glaubens. Religion spezifiziert sich heute nur noch aufs soziale und emotionale, dort kann sie, so glaubt man, nichts falsch machen, und dort konzediert man ihr eine Kompetenz, die sie früher und ähnlich berechtigt auch in Themengebieten wie Welt- und Erdgeschichte, Kosmologie, Entstehung der Menschheit hatte. Auch wenn die soziale und emotionale Kompetenz der Religion heute in allen Fugen kracht, ist sie dennoch etwas, das durch einfache Wiederholung des Anspruchs darauf gerechtfertigt werden kann (ähnlich wie Kunst übrigens).

Der Rückgriff auf moderne mechanische Hilfsmittel ist dementsprechend logisch, irgendwas muss ja beten, warum also kein Automat? Aber warum ein Bär? Die Erfindung des Teddy Bears ist noch gar nicht so lange her: mit ihm und dem makatschverfilmungswürdigen Erfolg der Margarete Steiff wurde ein Schlusspunkt gesetzt unter die von gegenseitigem Respekt und wechselseitigem Töten und Aufessen geprägte Mensch-Bär-Beziehung in der Natur. Das Kindchenschema runder Bärenköpfe gewann über die Bedrohung realer Bärenzähne. Gummibärchen verkehrten das Beuteprinzip der Bären in eines der Menschen. Zeichentrickbären evolvierten von sympathischen Balou-Bären über den nur dem Namen nach indisch-religiösen Yogi zu den „Glücks-Bärchis“, die vor purer positiver Energie sogar ihre Verkleinerungsform in die zweite Potenz verschraubten. Nun wuchsen einem „Glücks-Bärchi“ Flügel und eine Aureole, und das so entstandene Totem soll Religiösität und warme Gefühle in kleine Hirne und Kinderhirne pflanzen. Das mechanische kleine „Heiligkeits-Totemchi“ betet jetzt also mit den Kleinen, wenn der Papa und die Mama keinen Bock darauf haben oder immernoch auf der Arbeit sind.

Dennoch wäre es verstiegen, als nächste Stufe (gewissermaßen für ältere Kinder) einen gekreuzigten Bären anzubieten, der „Es ist vollbracht“ brummt. Denn streng genommen (und Religion will immer streng genommen sein) ist das betende Bärchen ikonisch korrekt. Immerhin sind ja auch die vier Evangelisten, gewissermaßen die Gewinner im Heiligen Literaturwettbewerb, „Wesen“ zugesellt, nämlich Mensch, Adler, Löwe und Stier. Einem modernen Verkünder des Evangeliums, z. B. Ben Becker, könnte man der gleichen Logik folgend locker einen Stoffbären zugesellen: für Geld würde Ben Becker auch Nietzsche vortragen, und der Knuddelfaktor stimmt auch.

Advertisements

Tagged:, , ,

§ Eine Antwort auf Ein Automat für religiöse Gefühle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Ein Automat für religiöse Gefühle auf Der alte Montagsfisch.

Meta

%d Bloggern gefällt das: