Multisensorik und die Pinkelpause

4. Januar 2010 § Ein Kommentar

Das letztere Wort „Pinkelpause“ muss ich erläutern. Früher war eine PP das Intervall, in dem urlaubsfahrende Familienväter Frau und Kindern das Blasenerleichtern an Autobahnraststätten gönnte. Heute ist die PP eine Unterbrechung des Abendprogramms im Privatfernsehen. Sie wird auch Werbepause genannt oder Werbeunterbrechung, denn pausiert wird eigentlich nicht; im Gegenteil, die Lautstärkenaussteuerung wird wahrnehmbar verschoben, die Bilder werden bunt und die Zuschauer machen was anderes.

Ich möchte jetzt zwei Werbespots analysieren, die auf verschiedene Art und Weise mit dem Problem umgehen, dass die Zuschauer etwas anderes machen.

Die Cosmos Direkt z. B. reagiert auf die Existenz und Nutzung der Stumm-Taste mit Redundanz. Als Versicherungsanbieter hat sie ohnehin nur ein virtuelles Produkt, das im besten Fall nur anhand eines Stapels Vertragsunterlagen „gefasst“ werden kann. Als Direkt-Versicherungsanbieter fehlen auch die Läden im Stadtbild und der dickliche Mann mit Schnauzbart, an dessen Tisch man die Verträge durchgeht. Solcherart selbst-entkörperlicht ist das einzige, was die Versicherung in der Welt der Dinge bieten kann, der Vorteil, den die günstige Geisterversicherung gegenüber den schwerfällig dinglichen Konkurrenten zu bieten hat.

Dieser Vorteil muss kommuniziert werden. Für die Entwicklung grandioser Lebenswelten rundumversicherter Bürger bleibt kein Platz; der stummtastenbewehrte Mensch, der auf dem Sofa vor der Glotze sitzt, bekommt Tafeln hochgehalten, auf dem die Aussage „wir sind billiger“ redundant zur Tonspur steht.

Der zweite Spot zeigt den Seat Exeo ST ( http://www.youtube.com/watch?v=VWbqdfPnlzE&feature=related ). Die obligaten Fahrszenen des Autos führen uns kaskadierend durch immer entlegenere Gegenden der Welt, vorbei an einem auf Wüstensand liegenden Dampfer, bis das Auto in einer Wüste zu stehen kommt, Dünen haben den Asphalt begraben. Dazu dröhnt eine Stimme homerisch anmutende Verse „Brichst du auf gen Ithaka …“, welche das Reisen als Sinn- und Selbstfindung apostrophieren. Die letzte Szene vor der Düne lässt dann ein dünnes Stimmchen und Witzchen erklingen „Finden Sie nicht, dass die Probefahrt weit genug war?“. Ach so, haha.

Der Bombast der tollen Reisebilder und der homerisch schwurbelnden Texte verdichtet sich zu einer emotional-multisensorischen Riesenpackung. Leider schaltet hier die Stummschaltung auch vollends den Sinn ab. Heute kennt jeder Mensch, der alt und reich genug ist, ein Auto zu kaufen, das Problem der Klimaerwärmung und ihrer Ursachen; Autos sind ein Teil des Problems. Zeige ich nun einen Wagen, der durch immer trockenere und verödetere Gebiete fährt und in der Wüste stehen bleibt, illustriere ich formvollendet eine Reise ins weniger-als-Nichts, eine Reise ins Aus. Und als Abbinder kommt noch eine Logo-Einblendung.

Im PP-Performancevergleich stinkt die Seat-Werbung eindeutig ab, was die Ereichung des Klassenziels „Kommunikation der Werbebotschaft“ anbelangt. Multisensorik bedeutet hier Multidependenz; ohne den einen sensorischen Kanal funktioniert nicht nur der andere nicht, er arbeitet der eigentlichen Botschaft zuwider. Aber auch der Spot der Cosmos Direct hinterlässt den Betrachter unbefriedigt. Die anorektische Reduktion auf den Sehtest der Kommunikationsbotschaften überspringt zwar die Tonspur, wirkt aber anstrengend und ermüdend.

Dies habe ich geschrieben, nachdem ich im Kino „Avatar“ sah. Offensichtlich macht wirklicher sensorischer Reichtum sensibel, was die Aufdringlichkeiten des Alltags anbelangt. Brumm.

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§ Eine Antwort auf Multisensorik und die Pinkelpause

  • Annette sagt:

    Ich habe beim Lesen immer den Eindruck, dass dein Beruf für dich Berufung ist, und es ist schön und spannend, dass du andere daran teilhaben lässt. Danke!

    „Identitätskrisen in der Subjektivität“ gefiel mir aber auch ganz besonders – ich erlaube mir, das einfach mal hier zu vermerken.

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