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27. Januar 2010 § Ein Kommentar

Öfters höre ich mal von wohlmeinenden netten Menschen, dass Atheisten es sich zu leicht machen würden, und wenn ich zurückfrage „womit?“, kommt die Antwort „mit allem.“ Damit machen es sich die netten Menschen zweifellos zu leicht. Aber das ist nur der vorläufige Höhepunkt des wechselseitigen Wettbewerbs im Schwermachen, den Atheisten und Gläubige (meistens Christen, Muslime diskutieren einfach nicht über ihre Religion) miteinander austragen. Atheist kann man nicht „einfach so“, aus dem Bauch heraus, sein: stets wird man mit Bibelzitaten und Gottesbeweisen zugetextet, aus denen man sich nur mit hochkarätiger Philosophie herauswinden kann. Christ zu sein bedarf es wenig, wer nur glaubt, wird selig.

Dass Glauben nicht selig machen kann, zeigt die letzte Ausprägung, die sogen. Marktgläubigkeit. Glauben heißt nicht nur nicht wissen, es heißt auch Zweifel beiseite wischen, die Augen vor Alternativen verschließen, keine Verantwortung auf sich nehmen und auf Gott (bzw. den Markt) vertrauen. Glaube hat mehr miese Präfixe als die meisten anderen Worte, darunter einige, die den Begriff zu seiner perfekten Persiflage verdrehen: Aberglaube, Gutgläubigkeit, Leichtgläubigkeit.

Aber auch Schwergläubige machen es sich leicht: anstelle der ständigen Präsenz von Fragen wird eine einzige Antwort gesetzt, universal und über-den-Kamm-scherend wie eine „one size fits all“-Mütze. Anstelle der schweren Aufgabe, die Menschen nur als Menschen lieben zu müssen, gut zu sein, weil gut sein einfach besser ist, wedelt Gott mit einer Belohnung oder Bestrafung im Jenseits.

Oh, entschuldigt bitte. Vermutlich hätte ich jetzt Bertrand Russell zitieren müssen oder einen anderen modernen Philosophen; man tritt dem Glauben nicht einfach so auf die Füße, wie der organisierte Glaube heute Skeptikern und Atheisten auf die Füße tritt, wenn er ihnen „Inhaltsleere“ vorwirft. Aber es ist besser, keinen Inhalt zu haben und sich selber um ihn kümmern zu müssen – denn das klappt durchaus – als den Inhalt zu simulieren.

Nb. das ständige Gefasel von den „christlichen Grundwerten Europas“ geht mir auch auf die Nerven. Wenn sich jemand um Grundwerte gekümmert hat, waren das die Männer und Frauen der Aufklärung, die einen jahrhundertelangen Kampf gegen die renitenten christlichen Kirchen geführt haben. Religion ist halt doch nur ein Mittel zur Ab- und Ausgrenzung und zur Konformierung des Unkonformen. Es ist schwieriger, ohne sie auszukommen! Aber es lohnt sich. Und wer redet hier davon, dass es ums Leichtmachen geht?

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