Küsse und reite

23. Februar 2010 § 3 Kommentare

Da wurde ein Straubinger Kopferter aufgeschreckt, nun kommt ein Edikt des Bahnchefs: Deutsch soll  gesprochen werden zwischen InterCityExpress und Regionalexpress, zwischen McDonalds und McClean. Können wir das denn noch?

Es könnte gefährlich werden. Denn das akkurate Hochdeutsch ist eine Sprache, die Gesetze und Gesetzestexte liebt, sehr im Gegensatz zu den Deutschen selber. Zu oft kam letzthin das Deutsch von oben, wurde die vermeintlich gefährdete Sprache mit Konstrukten aus den Schmieden der Konjunktion verstellt, dass man sie selber nicht mehr leiden mag. Das Fremde scheint da handlicher, weltmännischer, more sexy, und in der Tat: es ist es auch.

Kiss and Ride wurde so genannt, um poetisch auszudrücken, was per Korrektdeutsch nicht zu sagen ist: Nein, du bringst deine lieben Menschen nicht mit zum Bahnsteig, ja, du gibst ihnen bei laufendem Motor einen Kuss und sagst „Bis bald! Es war schön, dich hier zu haben“ … das deutsche Kurzzeitparken erfordert erst einmal Verständnis des deutschen Sprachtricks „Kompositum“. Und dann: was ist eigentlich eine kurze Zeit? Ich kannte einen Neunzigjähigen, der meinte, sein Leben wäre nur eine kurze Zeit gewesen. Wir können uns getrost auf halbe Stunden bei den Parkern vor den Bahnhöfen einrichten, mindestens.

Dabei ist Deutsch gar nicht so schlimm, man traut sich nur nicht.

In Analogie zu dessous le pave c’est la plage kann man feststellen: unterm Amtsdeutsch liegt die Poesie. Der Parkplatz des Anstoßes Kiss and Ride könnte Küss und Tschüss heißen, am Service Point steht Kann ich helfen?, statt Carsharing steht da Fahr mit! und Call-a-Bike ruft man dann Draht/los/esel.

Sehen Sie, liebe Leser, und schauns, liebe Straubinger, es geht doch. Man darf nur nicht anfangen, nach der universal absolut überall richtigen deutschen Formulierung zu suchen. Zum einen verstellt man sich damit die Lösung wie ein reisender Opa im ICE den Ausgang mit dem Schrankkoffer, zum anderen gibts die eh nicht, und dann dengelt man sich wieder was zusammen.

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§ 3 Antworten auf Küsse und reite

  • Su sagt:

    Erfrischende Vorschläge. Mir fällt das Denglisch auch auf die Nerven, wo unsre Sprache mit ein bisschen gutem Willen so viel mehr Witz und Vielfalt bietet.

  • karmamarketing sagt:

    Jan. Du sprichst mir aus der Seele. Wir (mit dem großen W) machen es viel zu leicht. Kreatives und neues Deutsch ist gefragt und kreative mutige Werber sind gefragt, die das in Welt und die Kundenhirne tragen. Nur Mut!

  • Jürg Stuker sagt:

    Heute in einer Schweizer Tageszeitung (www.tagi.ch) wurde verlautbart, dass das Englischverständnis auch Einfluss haben könnte.

    So sei der Douglas-Slogan «Come in and find out» auch mit «Komm rein und finde wieder hinaus» übersetzt worden und bei «Kiss & Ride» wurde es noch verfänglicher (rote Lichter und leicht geschürzten Damen)… willkommen in der neudeutschen Realität 😉

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