Hoch die internationale Solidarität

1. März 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Köln hat auch gute Sitten und Gebräuche. Normalerweise sitzen nur einige wenige fette Katzen unterhalb der Fenster, aus denen das Geld geschmissen wird, aber darüber habe ich mich schon an anderer Stelle moquiert. Zum Fastelovend steht alles, groß und klein, am „Zug“, was geflogen kommt, wird gefangen, die Leute rufen „Kamelle“, aber geflogen kommen längst nicht nur Bonbons, sondern Schokoladentafeln, Lollis, Plastikspielzeug und Gummibärchentütchen im Miniaturformat. Letztere überwiegend „Haribo“ und „Trolli.“

Die etwas weicheren und etwas süßeren Trollis haben unverdienterweise den Nimbus des billigeren, einfacheren – wie gesagt, unverdient, denn wenn der Preis günstiger gewesen sein mag, ihre soziale Aussage toppt die „Goldbären“.

Was sind überhaupt Goldbären? Abgeleitet aus der Bärenfarbenpalette, die uns neben Schwarz- und Braun- auch Käpt’n Blau- und den Li-la-Launebär bescherte, stehen die Goldbären und ihre Menschwerdung Thomas Gottschalk für sowas wie den Kapitalismus mit menschlichem Antlitz (das menschliche Antlitz in diesem Fall gesehen etwa von Francis Bacon, Otto Dix oder George Grosz). Das zeigt sich im TV-Spot: Kinder, sich froh machend im Rausch der Selbstbedienung, plündern Gottschalks Schatzkiste, der kerkelingsche Plüsch-Goldbär übernimmt die Rolle des Wächterstaats und bewegt sich mit einfältigen Gesten im Zeitlupentempo. Mit gespielter Tragik ringt der Schmierenmime die schlanken Finger, klammert sich an unsere Humornerven wie ein Ertrinkender an die Rettungsleine.

Wie anders die Trollis. Kein TV-Spot für sie, kein Markennimbus, der sich mit Sloterdijk und FAZ plustern muss, um für bedeutsam gehalten zu werden. Billig und bunt hängen sie etwas abseits von den Produkten des Hans Riedel, Bonn.  Aber was kam da zu Karneval geflogen? Kleine Tütchen, bunt wie der Inhalt, bedruckt mit lokalen Kennungen: „Cairo Bear“, „Uncle Sam Bear“, „Bavarian Bear“, „Kung Fu Bear“, nicht im Bild „Polar Bear“.

In den Tüten: immer das gleiche, weiche, süße, bunte Trolli-Bären. Was sagt uns das? Wundersam biegt sich der Regenbogen der Analogie freier und gleicher Menschen dieser Erde über den ohnehin schon bunten Karnevalszug: jeder Jeck ist anders, aber alle sind gleich; alle Bären werden Brüder, mögen sie nun aus Cairo, Bayern, Uncle Sam oder Kung Fu kommen (oder vom Pol, nicht im Bild). Zwar mag die Anglisierung der Bärennamen am Straubinger Nerv nagen, aber so what? Aus vielen bunten Tütchen kommen viele bunte, weiche, süße „Bears“, sie sind wie wir, wie wir alle, drum reih‘ dich ein in die Gummibäreneinheitsfront, weil du auch ein Gummibärchen bist.

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