Lobgesänge in einer schlechten Welt

11. August 2010 § Ein Kommentar

Gegensätze bestimmen die Welt. Schwarz und Rot, Nord und Süd, Arm und Reich, Gut und Suboptimal, Dick und Doof – die eiernde Sphärenharmonie sich ergänzender Paarungen formt ein birnenförmiges Etwas, das wir für die Welt halten, weil alles nach unserem Dafürhalten an seinem Platz ist.

Eines der Gegensatzpaare könnte meiner Ansicht nach die Zeitschrift „DB mobil“ und die Literatur meines Freundes Ulrich Kühne sein. Ulrich hat eindeutig geringeren, aber qualitativ ungleich höheren Output; die „DB Mobil“ formt entlang der Symbolik Bart = Kraft / Graubart = Gedankenkraft eine Überschrift „Die Macht der Weisheit“ zu einem Interview mit dem massigen Schwadroneur Mario Adorf, obwohl er im Interview kein Wort zum Thema Weisheit verliert (so weise ist er doch).

Ulrich Kühne hat nicht nur ein wunderschönes schweres Buch „Die Methode des Gedankenexperiments“ geschrieben. Als Geschenkartikel neben den Kassen selbst hinterwäldlicher Buchläden liegen heute Bücher mit dem Konterfei Angela Merkels, das Buch heisst „Ins Bild geschlichen“ und ist der Nachfolgeband eines Werkes gleichen Namens, das der Karikaturist Reinhold Löffler vor zwei Jahren zusammen mit Ulrich Kühne verfasste, damals noch mit einem Schwerpunkt auf Österreich/Schweiz, nicht sooviel Erfolg an deutschen Kassen und wenig feulletonistischer Resonanz. Das Rezept ist einfach: Löffler montiert Köpfe moderner Berühmlichkeiten auf klassische Gemälde. Das ist mit Photoshop einfach und billig, in der Auswahl der Köpfe und der Gemälde zeigt sich allerdings Geschmack und Kunstkenntnis von Löfflers Seite. Doch ich will hier Ulrich Kühne rühmen: seine Texte sind geschliffene, funkelnde Sterne am Firmament, unter dem wir den Cro-Magnon-Schlappen gerade entwachsenen Menschen verwundert die Köpfe recken und zu begreifen versuchen, was da oben eigentlich los ist.

Die Bilder verstehen ist einfach. Erst die Texte machen das Lesen zum Genuss, zum Vergnügen, und – richtig – hier erzielt man durch die Kombination von Erleuchtung durch Verstand, Einsicht durch Humor, Berührung durch Erfahrung jenes wertvolle Destillat namens Weisheit, das Mario Adorf sicher auch in seinem Schnapsschrank hat, aber garantiert niemals mit einer Reporterin von „DB mobil“ teilen würde. Ulrich Kühne schenkt diesen Cognac allen aus, die ihn haben wollen.

„Haben wollen“ bestimmt auch vieles, hochpriorisiert in den Desiderata rangiert Nachwuchs und Wohnkomfort, mit dem Wunsch nach Wohnung und Familienzufriedenheit wirbt nicht nur der gerade durch die Republik reisende Bausparfuchs der Bausparkasse Schwäbisch Hall sondern auch der Werra-Meissner-Kreis. „Wer/Wo ist das?“ fragt man als Kölner; „Meissner“ ist in Köln nur der ungeliebte Katholikenkommandeur. Das Plakat antwortet mit einem Bild: Werra-Meissner ist da, wo sich fette Babys nicht vor schwachaktiven sozialen Endlagerstätten, sondern vor Dorfidyllen im Schlamm suhlen. „Go West, Young Man!“ warb man im 19. Jahrhundert in den USA für die Erschliessung unbesiedelter Regionen, heute/hierzulande schickt man die Nachwuchshaber ins Nirgendwo oder zur Hölle, denn so spricht bei Christopher Marlowe der Teufel: „Where we are is hell“. Ob man nun einen schützenden Werra-Meissner-Kreis um sich gezogen hat oder nicht, die Welt umfängt einen mit seinen Gegensätzen: der Dumpfheit und der Klarheit, dem Mut und der Verzweiflung, der Bitterkeit und der Süße.

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§ Eine Antwort auf Lobgesänge in einer schlechten Welt

  • Chris sagt:

    Ach? Ach was? Denkt sich Dein alter Freund und Kupferstecher.

    Von Adorf bis in den Werra-Meissner-Kreis in weniger als fünf Minuten – das schafft nur die Bahn. Und Menschen, die einen Gutteil ihres Lebens in Zügen verbringen, will es scheinen 🙂

    Ich mag es, wenn Sachverhalte (wie verlassene Ortschaften) aus dem Dunkeln auftauchen und das einzig Verbindende das sachte Rumpeln des maroden Gleisbetts ist. Cut-Up lebt!

    Und da ich nicht nur einfach ein alter Sack bin sondern auch ein weit herum gekommener obendrein, hänge ich doch gleich noch ein Fundstück aus meinen Tiefen an – ganz getreu dem Motto: Wer im viel Zug sitzt hat gut murren.

    People are squinting to block out the sun.
    Complaining or soaking it up.
    Praying for rain – the next minute for a scorched earth.
    What’s it worth? Enough is never enough.
    Let’s have a little moan – put the world to rights, sit back and watch it all slide by – it’s a view from a train.
    Pay somebody else to drive.
    See the suits.
    I see the suits sunning themselves on the steps of the supermarket and I think of you when I’m alone like this.
    Burning from the inside.

    (Aus: Underworld // Oblivion with Bells / Ring Road)

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