Was braucht der Mensch

1. September 2010 § 4 Kommentare

Das braucht kein Mensch

Einspruch, Euer Gnaden, das brauchen Menschen doch. Zum einen ist es ein triumphaler Beweis dafür, dass Menschen kreativ sind, sein wollen, sein müssen, und wenn sie es nicht sein können, sucht sich dieser Schaffensdrang Wege. Graffiti-Sprayer sind im täglichen Leben meistens arme Kerle, sozial und kulturell abgeschoben, bildungsmäßig aufgegeben. Politik und Staatskunst gucken peinlich berührt an ihnen vorbei.

Sie sind Menschen. Wir sind Menschen. Und Homo sapiens lässt sowas nicht mit sich machen. Wir haben nicht über zehntausend Jahre kulturelle Raffinesse hinter uns gebracht, um heute von den selbsternannten Faktoren der Gesellschaft entmündigt und kaserniert zu werden; das Bestreben von Firmen und Körperschaften, die Welt lieber mit Plakaten und Schaufassaden des Erfolgs zuzustellen, wird von Graffitikünstlern nicht hingenommen. Jeder Mensch hat das Recht, an der Gestaltung der Welt teilzuhaben, Firmen und Körperschaften bekommen durch sich immer weiter ausbreitende Plakat- und Werbeflächen schon einen ausreichenden Anteil. Graffitikünstler sind meistens friedliche Menschen, sie gestalten Flächen, die sonst keiner gestalten will: öde Bahnhofsgelände, Lärmschutzwände, Zweckarchitektur der Industrie und Infrastruktur. Damit weigern sie sich, zuzugeben, dass es diese Art von kulturell abgeschobener Architektur überhaupt gibt: alles kann gestaltet werden. Alles kann geliebt werden. Alles will Freiheit.

Natürlich ist es schade, wenn einer alten Dame durch „Tagging“ die denkmalgeschützte Hausfassade verunziert wird, genauso rücksichtslos ist das Zumalen von Wagenfenstern: aber man kann nicht erwarten, dass Menschen, denen die Chance künstlerischer Entfaltung genommen wird, wählerisch sind bei der Selbstversorgung. Wo sich Graffitikünstler entfalten können, erreichen sie oft eine kraftvolle und dynamische Sprache, wie man sie in den faden Leinwandpinseleien überteuerter Saisonartikler in den Museen nicht findet.

Was dagegen kein Mensch braucht: dummes Wellenreiten auf visuellen Stereotypen. Die Bahn wird 175? Das wäre vor 50 Jahren noch ein Thema für ein paar feierliche Treffen mit Smokings, Orden und Bärten gewesen; heute muss man sich den verachteten, um Geld und Zeit geprellten  Kunden mit Remmidemmi anbiedern, und zwar durch das dümmstmögliche Stereotyp für 2010: den jubelnden Fussballfan. Nun ist die Bahn für Fussballfans etwa das, was die Mülltonne für die Bananenschale ist, nämlich die sicherste und beste logistische Dispositionsmöglichkeit, aber zum 175. wirbt man nicht mit von Ultras besudelten Eisenbahnwagen, sondern mit einem armen Mann, dem ein Visagist in mühevoller Kleinarbeit das Gesicht bemalt hat.

Das, Euer Gnaden, braucht kein Mensch. Das „kreativ sein müssen“ fand hier ohne das „kreativ sein wollen“ statt, vom „können“ ganz zu schweigen.

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§ 4 Antworten auf Was braucht der Mensch

  • Chris sagt:

    Einspruch abgelehnt, Herr Anwalt.

    OK, das DB-Mausoleumsjubiläumsmotiv ist Graffiti – und man kann nirgendwo anrufen, um es wegmachen zu lassen. Aber die Meisten Sprayer sind eben keine Künstler, sondern bestenfalls Bengel (und Bengelinen) die anstatt Herzen in Baumrinden zu schneiden, lieber mit Zirkonen Glasscheiben und mit Eddings alle anderen Oberflächen traktieren. Ohne jegliches Talent – aber mit gutturalem Grölen nach Respekt.

    Persönlich habe ich früher auch Schulbänke mit der Gravur von pq-Formeln und Mädchennamen ruiniert, jedoch im klaren Bewusstsein, hier keine Lanze für die freie Kunst zu brechen. Das Mauernanmalen war seinerzeit nicht so populär, was möglicherweise mit den Kosten für Spraydosen verbunden war (oder einfach deshalb, weil Graffiti noch nicht übern Teich geschwappt war).

    Ich bin nur sehr eingeschränkt bereit, unästhetischen Vandalismus (der nicht mal den Schatten einer irgendwie gearteten kreativen Reflexion wirft) als eine berechtigte oder akzeptable Form des persönlichen Ausdrucks hinzunehmen.

    Als Statement taugen die meisten Graffitis nicht mal so viel wie der Urvater (zumindest in meiner Erinnerung) der modernen Wandmalerei „Killroy was here“.

    Ich finde es super, wenn es Kritik hagelt und wenn Schmierer ob ihrer Betätigung Druck auf die Leitung bekommen. Die wenigen wirklichen Graffiti-Künstler dürfen nicht als Ausrede für massenhaft plumpe Gekrakel an allen möglichen und unmöglichen Stellen herhalten müssen.

    Vielmehr sollte die Gegenfrage erlaubt sein, wie viele Spraydosen benötigt werden, um einen gebrauchten Computer und Internetzugang zu finanzieren? Ich befürchte die Rechnung fällt ungünstig für die FCKW-Puster aus.

    Und ob man nicht doch auch online den einen oder anderen Freiraum zum Ausleben der eigenen Kreativität finden kann, fände ich auch bemerkenswert.

    Nein, wer über das Eigentum anderer herfällt erwirbt sich nicht automatisch die Legitimation der künstlerischen Betätigung – im Gegenteil. Dass dennoch in diesem Akt der Piraterie durchaus Kunst und künstlerisches entstehen kann, ist allerdings genauso wenig bestreitbar.

    Es gibt wirklich erstklassige Graffiti und wirklich intelligente Wandkunst, aber vielleicht lebt dieses ganze Genre von der Vergänglichkeit und der Aktion im Verbotenen bis Halblegalen. Ich finde das nicht erschreckend.

    In diesem Sinne: Isch respäktier Disch, Digga.

  • Jan Hochbruck sagt:

    In erster Linie lehne ich den Spruch „Das braucht kein Mensch“ ab, bro, denn die Jungs und Mädels Graffiteure brauchen das, und sogar dringend. Indem man behauptet „das braucht kein Mensch“ nimmt man ihnen sogar die Menschlichkeit. Ob sie was anderes als Graffiti besser brauchen könnten? Möglicherweise, wahrscheinlich, sogar sehr wahrscheinlich. Nur, sie kriegen’s nicht, drum nehmen sie sich was. Bezüglich Taggen und Vandalisieren stimme ich auch mit dir überein.

    Und in zweiter Linie? Stelle ich hier unkontrollierte Kreativität (die schlechte Ergebnisse zeitigen kann) gegen kontrollierte Unkreativität (die schlechte Ergebnisse zeitigt). Näheres Betrachten des Bahn-Motivs, das mein alter Lehrer Deutsch noch als „Anpöbelei“ bezeichnet hätte, zeigt auch, dass das „175 DB“ zeichen schon aufs maulaufgerissene Gesicht gemalt wurde, der Faltebildung wegen. Hoffentlich wurde das arme Model entsprechend kompensiert.

  • Rude sagt:

    Das unleserliche mannshohe Tag in silbernem Autolack und das uninteressante mannshohe Werbeplakat, für das ein Pfeiler mitten auf den Fahrradweg gerammt wurde: Beides ist eine Vereinnahmung des öffentlichen Raums, beides „braucht kein Mensch“, und für beides fühlt sich der „Erschaffer“ im Recht: der Spraydosenbetätiger „hat ja nix anderes, wo er sich betätigen kann“, und die Werbefirma „hat ja den Platz gemietet“ (wer maßt sich eigentlich an, die Luft über einer Straße zu vermieten!?)

    Ich habe ehrlichgesagt an beide eine Erwartungshaltung an Qualität. Nichts dagegen, wenn jemand auf einer Wand rummalt, und auch nix gegen jemanden, der Reklame aufstellt. Aber beide sollten neben ihrem (ganz legitimen) Geltungsdrang unbedingt im Hinterkopf haben, ob das gerade die Umgebung und die Betrachter darin irgendwie bereichert.

    AN.FKZ und 175DB tun das gewiss nicht, daher: Daumen runter. Es gibt hingegen gute Graffiti, und es gibt gute Konzernwerbung, und beide darf man dann zeigen (wenn man’s nicht übertreibt, und nicht grad einen Pfeiler dafür in den Radweg rammt, es sei denn, der ist Teil des jeweiligen Kunstwerks).

    Natürlich dürfen auch beide — der Graffitikünstler und der Werbefuzzi — in Ruhe üben, bis sie das mit der Gestaltung soweit hinkriegen, dass man’s draußen ausstellen darf. Aber bitte in einem Medium, mit dem man nicht ganze Städte verschandelt. Ich stell mich ja auch nicht in die Mönckebergstraße und üb da Klavier. Ach, ich liebe Äpfel und Birnen, aber ihr wisst, wie ich’s meine.

    Wie kommt eigentlich die Blaubeerbombe oben rechts auf das Graffiti-Plakat? Die ist lustigerweise nicht nur auf dem Gitter, sondern auch in den Gitterlücken zu sehen… ein Schelm, wer da an Photoshop denkt.

  • Annette sagt:

    Ich bin begeistert von diesem Text, davon, wie gewandt er das eine mit dem anderen verknüpft und natürlich auch vom Inhalt. Vielen Dank.

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