Die Rückkehr der Kindergebetsmaschine

5. November 2010 § Ein Kommentar

Die Rückkehr des Automaten zur Verbreitung religiöser Gefühle

Es ist November. Die DB mobil, gedruckte Nemesis des Langstreckenpendlers, offenbart im November die Strategie des Bahnchefs Grube, durch wiederholtes Schubbeln an grauhaarigen Schmidts (erst Helmut, jetzt Harald) Sympathie auf sich zu übertragen. Diese Liste hier ist ein freundlicher Vorschlag für die weitere Gesprächspartnerrecherche. Zum Glück sind die meisten der ekligen und bösen Schmidtse schon tot, und Ralf Schmitz ist noch ein bisschen zu jung.

Es wird früher dunkel in diesen Tagen, der Schatten fällt auch auf Verstand, Geschmack, und alles. Im November tritt die Vorweihnachtszeit in ihre heiße Phase. Dem DB-Heft vorgeschaltet ist eine mehrseitige vorweihnachtliche Anzeigenstrecke für „idee+spiel“, und gleich auf der ersten Seite oben links prangt das Ding, das mir schon letztes Jahr auffiel wie ein Finger im Hals: das „Beschütze-Mich-Engelchen“. Dieses Jahr sogar im Preis gesenkt, dafür als „Neuheit“ beworben und mit ausführlicherem Text. Online sogar nochmal billiger.

Das grausige, eklige, widerliche Ding
Manche Dinge sind so widerlich, dass ich nicht verstehen kann, weshalb sie zweimal hintereinander auftauchen können, weshalb sie in Neuauflagen immer wiederkehren, Neonazis, Rassisten und „Deutschland sucht … “ Shows gehören dazu. Letztes Jahr habe ich allen Ernstes gedacht, ich verspotte ein Auslaufmodell. Doch der bigotte Bär hat ein Geschichtenerzähle-Einhorn als Begleitung bekommen. Hierdurch wird auch ein bisschen klar, in welcher Region der spirituellen Wüste des modernen Lebens diese Tiere umherirren: irgendwo zwischen nicht mehr Glauben, noch nicht richtig Zweifeln, Kerzen anzünden, an Engel, Geister oder „die Natur“ glauben, aber auch das irgendwie nicht richtig. Solche Leute heiraten in der Kirche mit individueller Musik und sprüchen aus der Belletristik, dann schleimen sie sich bei den Pfaffen ein, um einen Kindergartenplatz für ihren Nachwuchs zu bekommen; irgendwann wird dann ausgetreten und die Kirchensteuer gespart. Damit das Kind dann doch „christlich-jüdische Leitkultur“ abbekommt, drangsaliert man es mit der „mit süßer Kinderstimme“ betenden Maschine.

Doch ich vertraue den Kindern. Sie können was wegstecken und lassen sich nicht verarschen. Bislang hat noch keines den Verlust des Glaubens an den Weihnachtsmann nicht verwunden; schicken wir den Glauben an Engel und den lieben Gott gleich hinterher durch das „Beschütze-mich-Engelchen“.  Irgendwann geht auch dem dümmsten Gör auf, dass der Apparat nicht „echt“ ist, sein Zauber faul, seine Gebete schleimig und scheinheilig. Kein konservatives Glaubensbild von Himmel, Hölle, Seele kann, konfrontiert mit dieser Persiflage, unbeschadet weiter bestehen.

Das kann einem schon fast wieder Mut machen.

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§ Eine Antwort auf Die Rückkehr der Kindergebetsmaschine

  • Rude sagt:

    Herrlich!

    Ehrlichgesagt sind die heiligenscheingeschmückten Happy-Tree-Friend-Look-Alikes für mich die logische Fortführung einer sich schon seit tausenden Jahren tapfer selbsterhaltenden und so-gut-es-geht-realitätsverleugnenden Religionskultur.

    Die Freaks bei „idee+spiel“ sind aber nicht die ersten, die auf die Idee kamen, die Gottesdienstleistung zu robotisieren. Besonders gut gefällt mir Douglas Adams‘ Ansatz des „Elektrischen Mönchs“ aus seinem gleichnamigen Buch: „Auf einem weit entfernten Planeten arbeitet sich ein Gerät, genannt Elektrischer Mönch, durch eine Reihe unsinniger Glaubensvorstellungen. Seine einzige Aufgabe ist es, Dinge zu glauben, um so anderen Leuten die Mühe zu ersparen, es selbst zu tun.“

    Und schon wieder geht mir eine Geschäftsidee durch den Kopf: das elektronische Glaubenszentrum. Klimatisierte Hochleistungsrechner mit streng nach Religion getrennten Partitionen (vom jeweiligen Glaubensoberhaupt zertifiziert) übernehmen die anstrengenden, zeitraubenden und weltfriedensgefährdenden Tätigkeiten des Glaubens und Betens, und das zu einer erstaunlich günstigen lebenslangen Flatrate. Suche Investor. Anyone?

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