Trolleys mit verdorbenen Maultaschen

16. November 2010 § Ein Kommentar

Der Rollkoffer ist ein relativ junges Accessoire. Erst die Entwicklung hochstabiler Plastike führte zu den Rollen und subsequent zu Rollschuhen, Rollbrettern und Rollkoffern. Heute gibt es kein Gepäckstück über Operntaschengröße, der nicht bereits von einer Lafette getragen wird, auf der man früher Generalssärge durch Wien gefahren hätte. Die Bahnhöfe sind nicht dafür gebaut – und die Menschen, die nichts mehr tragen können, scheitern mit ihrer Zuglast an jeder Ecke.

Zum einen: die Leute ziehen den Koffer hinter sich her. Das ist gut, solange er wirklich hinter sich hergezogen wird, und nicht links oder rechts seitlich: wer ihn so zieht, nimmt doppelt soviel Platz weg, das kann auf einem alten Bahnsteig schonmal gut die ganze Hälfte sein. Zum anderen: wer ihn tragen muss – z. B. eine Treppe rauf oder runter – bleibt am Anfang der Treppe stehen, schiebt umständlich den Tragegriff rein, packt das Gepäckstück mit entsprechendem Geschnaufe, schleppt es mühselig die Treppe rauf/runter, setzt unten ab, holt Luft und ruht sich aus, zerrt den Tragegriff wieder raus und die Reise kann weitergehen. In der Zwischenzeit sind mindestens ein dutzend Leute über den Koffer gestolpert, haben beim Versuch, an ihm vorbeizukommen Füße, Hunde und Kleinkinder zertreten, ratlos schaut die Bundespolizei auf den Zustand öffentlichen Aufruhrs und fühlt sich nicht zuständig.

Das war es nicht, was die Bahn meinte, als sie die großen roten Plakate auf den Fussboden im Kölner Bahnhof kleben ließ. Das ist eher ein Hinweis auf das Zusammentreffen der Weihnachtsmarktsaison mit dem Umstand, dass Köln die Hauptstadt der Taschendiebe ist, man muss loslassen können von den irdischen Gütern. Auch nicht? Auch gut.

Fussbodenreklame für Schließfächer

Hier wird Werbung noch mit Füßen getreten, wie es sich gehört.

Nicht gut bedeutet: schlecht. Schlecht hat eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten, von intentional böse bis zu im Zustand der Verwesung, was meine ich also wenn ich von schlechter Werbung spreche? Etwas anderes auf dem eigenen Plakat schlecht machen bedeutet, sich die paar Quadratmeter Werbefläche mit irgendwas Verwesendem zu teilen; der Leichengeruch bleibt aber am eigenen Produkt kleben, weshalb ernstzunehmende Werbetreibende nie, also wirklich nie vergleichende Werbung mit Schlechtmacherei betreiben.

"Bald wird alles grün vor Neid: Echten Genuss gibt's nur bei Bürger"

Was Bürger hier mit seinen (zugegebenermaßen spätabends schlecht fotografierten Groß-)Maultaschen machen lässt, kann einem wirklich den Magen herumdrehen. Die Konnotation von Teigwaren mit verdorbenen Eiern hat schon einmal in der Salmonellenzeit „3 Glocken“ an den Rand des Ruins gebracht – und bei der Gelegenheit der deutschen Küche beigebracht, dass Nudeln eigentlich gar keine Eier enthalten sollen. Das ist auch ein Lerneffekt, aber zu welchem Preis?

Und eigentlich würde ich ja lieber über schöne Dinge schreiben. Zum Beispiel meine tolle neue Weihnachtskarte, die ich allen Lesern welche mir ihre Adresse senden auch gerne postalisch zukommen lasse. Über das Wochenende in Rom, das übernächste Woche ansteht, über meine Familie, die das Wochenende drauf zu Besuch kommt. Aber ich kann diese Texte nicht elaboriert neben sperrigen Gepäckstücken und verdorbenen Maultaschen herumstehen lassen.

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