Designkriminalistik: schlimme bessere Welten

13. Dezember 2010 § Ein Kommentar

Mitunter passen Elemente einer Gestaltung so gut nicht zusammen, dass eine glatte Fuge entsteht. Aus diesem offensichtlichen Bruch kann man auch ohne Sherlock Holmes‘ Gaben den Tathergang der geschehenen Design-Untat rekonstruieren. Schlimme Dinge kommen so ans Tageslicht: Dinge, die sich der Verfilmung durch John Carpenter oder Quentin Tarantino anböten, wäre da nicht mehr Leid und weniger Action.

Eines der schönsten, jüngsten Beispiele für eine solche Kreationsverhunzung ist der Katalog des ansonsten untadeligen Spielwarenladens Imaginarium. Diese neue Ladenkette ist einfach toll, hätte ich Kinder, sie müssten mich aus deren Geschäften herauszerren. Schon der Eingang ist eine Wucht: eine große runde Tür für Erwachsene, eine kleine für die Kleinen. Und erst das Spielzeug: alles das, was sich liebevolle Köpfe ausgedacht haben, um vernünftige, selbstbewusste und kreative Kinder groß werden zu lassen.

Der Katalog hingegen nimmt sich aus wie eine Teenagerjeans: zu eng, zu klein und vollgestopft mit Unausgereiftem. Neben den üblichen Fotos und freigestellten Artikeln, neben Ware, Beschreibung und Labeln gibt es da tatsächlich illustrierte große „Emo“-Bilder. Zuletzt sah ich den Stil solcher Bilder in den Publikationen des „Wachturm“.

Katalog des Imaginarium

Durchgepaust und abgemalt: was imitiert hier welche Wirklichkeit?

In der Tat ist der künstlerische Impuls dahinter derselbe, auch die Illustrationen des „Wachturms“ der Zeugen Jehovas beschreiben schließlich ein irreales Paradies, dessen stilistischer Hyperrealismus einen verbitterten Kampf gegen die Inplausibilität der Motive führt. Wer Kindheit als so paradiesisch ansieht hat aber nichts von dem begriffen, was eigentlich in den tollen Spielsachen des Imaginariums steckt. Die sollen die Kids nämlich zu Rationalität, Kreativität, Verantwortung und ethischen Prinzipien erziehen. Wozu also das bildliche Schmierentherater?

Treten wir einen Schritt zurück, um die Gesamtsituation zu betrachten: Gestalter sind eigentlich auch nur Menschen, und obwohl Menschen zu allen möglichen Schandtaten fähig sind, sind es meistens Umstände wie beim Milgram-Experiment, die solche Schandtaten erst getan werden lassen, d. h. irgend jemand hat den Befehl dazu gegeben. In diesem Fall dachte der Irgendjemand: „Deutsche Eltern mit dicken Portemonnaies kaufen keine Plastikspielsachen, wir müssen dem Kram einen Anstrich von Bio und Öko geben, am besten durch Illustrationen – die sind von Hand gemacht und verleihen dem Ganzen den Touch von Waldorf und Waschbär“.

Also, pfeifen wir unsere Löwen Maunzi und Miezi wieder aus der Arena, keine damnatio ad bestias in diesem Designverbrechen, nur einen Arschtritt mit mildernden Umständen. Denn wer auf das Geld junger deutscher Eltern zielt hat alles Recht darauf, von wenig Hirn und viel Sinn für „Öko“ auszugehen. Die Kinder, die mit diesen Spielsachen aufwachsen, werden es besser haben/machen.

Wegen der überzeugten Verwendung des Wortes „Arschtritt“ in vier Fällen ist dieser Blog nach dem brandneuen Jugendmedienschutzgesetz (JgndMdnSchtgstz) zulässig ab 16, aber total interessant für alle ab 12. Für diese Zielgruppe hier nochmal das Highlight dieses Blogs: Arschtritt.

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§ Eine Antwort auf Designkriminalistik: schlimme bessere Welten

  • Annette sagt:

    Dieser Text ist ein Volltreffer. 🙂 Und der Vergleich mit den Teenagerjeans – herrlich! Hatte viel Vergnügen beim Lesen, Danke.

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