Ich wünschte, der Kölner Dom wäre nicht fertig gebaut worden.

13. Januar 2011 § Ein Kommentar

Natürlich möchte ich ihn jetzt, wo er schon mal dasteht, nicht abreissen, aber lieber wäre mir gewesen, Sulpiz Boisseree und der preußische König hätten den Weiterbau bleiben lassen. Dieser in Köln selber relativ unpopuläre Wunsch hat mehrere Gründe.

Zum einen ist da ein mulmiges Gefühl von Menetekel: einer der herrlichsten Tempel der Antike, der „Hundertfüßler“ des Zeus in Athen, blieb ebenfalls mehrere Jahrhunderte als Bauruine liegen, bevor der römische Kaiser Hadrian das Ding fertig bauen liess. Die Lebensdauer des fertigen Bauwerks kam nicht annähernd an die der Ruine heran, schon im dritten Jahrhundert lag alles wieder in Trümmern. Gleiches lässt sich auch für den Tempel des Herodes in Jerusalem sagen. Lange unvollendete Großbauten haben das Omen in sich, relativ schnell nach der letztlichen Vollendung wieder kaputt zu gehen; in gewisser Weise hätte das der zweite Weltkrieg beim Kölner Dom auch vollzogen, aber die gute alte Gotik scheint die Dynamik von Druckwellen durch Bomben  relativ gut antizipiert zu haben.

Zum anderen: ist es nicht schade, dass die Bauruine weg ist? Immerhin konservierte sie einen jahrhundertealten Zustand, mit angebauten Buden, Behelfen, Flicken, hineinverwobenen Türmen der alten Stadtmauer und einem der letzten offenen Flecken Kölner Bodens (bevor in diesem Jahrhundert dann die „Domplatte“ tabula rasa machte). Die Ruine stak voller Mythen und Geschichten, ein jahrhundertealter Traum, eine Vision der Vision des perfekten Gotteshauses. Der moderne Dom ist einfach nur modern, seine Größe ist überbordend, dabei doch irgendwie karg im Vergleich zum ratzfatz gebauten LVR-Turm auf der anderen Rheinseite. Und irgendwie unecht. Loriots Wort trifft ins Herz: „Wussten Sie, dass der Kölner Dom, das bemerkenswerteste Bauwerk des Niederrheins, innen hohl ist?“ – man sollte es nicht annehmen.

Noch eins: Fertigstellung, das wissen wir mittlerweile, ist eine relative Sache. Der Dom wird nie fertig; ähnlich, wie in früheren Zeiten der mittelalterliche Baukran das eigentliche Wahrzeichend er Stadt war, müsste es heute das Baugerüst an einem der Türme (oder beiden) sein. Man kann den Dom nicht einfach mal ein paar Jahre stehen lassen: sofort werden Touristen und Besucher oder Domherren von herabfallender Original- und Neogotik erschlagen. Deshalb muss ständig am Dom herumgetinkert werden, und der Chef der Dombauhütte gehört zum erweiterten kulturellen Kölner Dreigestirn wie Dezernent und Intendant.

Aber letztlich: in der Bild- und Symbolwelt stehen heute für Köln nur zwei Zacken, die Domspitzen. Dümmer und einfacher kann kein Logo gemacht werden, drum machen es alle. Stellen Sie sich einfach vor, wie heute die Souvenirs und Logos aussehen würden, wäre der Dom ein Torso aus zwei Turmstummeln, dem Chor und einem Baukran geblieben. Ich hab es getan, hier sind ein paar Überlegungen. Und in irgend einem der unendlich vielen Paralleluniversen sieht es wirklich so aus.

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§ Eine Antwort auf Ich wünschte, der Kölner Dom wäre nicht fertig gebaut worden.

  • Annette sagt:

    Interessant und gut nachvollziehbar!

    Ich muss gestehen, ich finde den Kölner Dom toll – und mag es, da nur ganz langsam drum herum zu gehen und Details anzuschauen.
    Zumindest funktioniert er gut als Touristenmagnet.

    Dieser Text regt zum Nachdenken an, was Menschen an so gigantischen Dingen fasziniert. Ich habe kaum Ahnung von Architektur, kann nur vermuten, dass man so ähnlich empfinden soll, wie wenn man – beispielsweise – auf das Matterhorn schaut. (Mit dem Unterschied vielleicht, dass dieses nicht innen hohl ist. ;-))
    Die Korrekturen des Wahrzeichens sind herrlich – besonders die Filzdinger sehen sehr skurril aus.

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