Die Realität von Gewalt und Osterhasen

28. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Am Freitag pumpte man vor dem Kölner Schokoladenmuseum offensichtlich zu Testzwecken unterschiedlich große Halbzeppelin-Nachbildungen des berühmten goldenen „Lindt Hasen“ auf, um sie kurze Zeit drauf wieder schlaff zusammensacken zu lassen; das Spektakel konnte man aus unserem Meetingraum im Kölner „Artotel“ am Rheinauhafen beobachten. Am Montag fuhr dann der ICE mit mir drin langsam auf der Strecke Frankfurt Flughafen-Mannheim, und – welch ein Anblick – da stand ein Hase (in der Morgensonne deutlich erkennbar an den langen Ohren) mitten auf dem frostigen Feld neben den Gleisen, er machte Männchen und sein Atem war als kleine Dampfwolke zu sehen.

Gibt es doch den Osterhasen?

Überzufälligkeiten gelten als Wunder gelten als Begründung, dass es doch irgendwelche höheren Mächte gibt die am Schicksal drehen bzw. dass da tatsächlich ein Schicksal ist, eine Geschichte, die darauf wartet, geschrieben zu werden. In der Tat kann Sprache so schön sein, dass wir etwas von deren Eleganz und Kraft nicht nur rückblickend auf das Geschehene, sondern vorausschauend auf die Dinge übertragen wollen, die da kommen sollen. Aus dem Sehen schöner Bilder wird der Wunsch, schöne Bilder sehen zu wollen, und daraus die Prophezeiung schöner Bilder, die man unbedingt sehen will. Heutzutage deckt man das Bedürfnis nach schönen Bildern, „die da kommen sollen“ mit den Parallelrealitäten von Literatur, TV, Spielen ab und schraubt die Erwartungen an die eigentliche Realität herunter. Deswegen gelingt es fiktionalen Charaktern wie der „Guten Mutter“ Angela Merkel und dem „ehrlichen Streiter für Recht und Ordnung“ Karl Theodor zu Guttenberg auch, in der Realität Erfolge zu erzielen, während ihre Eigenart als Projektion offensichtlicher ist als beim Schiffsarzt des Raumschiffs Voyager.

Dumm ist nur, dass durch das Schreiben, also eigentlich: Erstellen von literarischem Überbau, dessen Grenzen zum Fiktionalen fliessend sein können, im Grunde genommen die Wirklichkeit intensiviert wird, während die Realität abnimmt. Durch meine Reflektion werden Guttenberg und Kanzlerin noch etwas mehr „wahr genommen“* und erhalten eine Bestätigung ihrer Existenz, damit tue ich meinen kleinen Teil zum Aufbau der Gegenrealität, welche sich gegen die große, überwältigende der Bild-Zeitung richtet. Das ist im Moment eine wirklich wichtige Kraftprobe: inwieweit ist das, was die Bildzeitung schreibt, vorgeschrieben, weil es uns vorgeschrieben wird, und inwieweit werden die Artikel darin vor-geschrieben, bevor auch nur etwas passiert?

Und was passiert gerade? Mord, Totschlag und Quälerei natürlich. In der letzten Zeit hat es eine Entwicklung hin zu „Literaturwerbung“ gegeben; wurde man vor 20 Jahren noch mit Plakaten für Urlaubsziele, Haarwaschmittel, Versicherungen und Genußmittel konfrontiert, setzt uns das am wenigsten übersehbare Medium unserer Tage immer häufiger Kriminalromane gegenüber. Und was für eine Sauerei dort abläuft! Lange vorbei sind die Zeiten, wo man mit einer gestohlenen Perle, einem entwendeten Brief oder auch nur einer verschwiegenen Affäre einen Sherlock Holmes beschäftigen konnte. Heute müssen es grausam zu Tode gequälte Frauen und Kinder in Kellern und Löchern sein, leibhaftige Reenactments des Gefangenendilemmas, religiöse und/oder sadistisch-paranoide Wahnvorstellungen, unvorstellbare Schmerzen (bzw. an der Vorstellbarkeit wird gearbeitet) und Verzweiflung der Ermittler, Opfer, Angehörigen.

Sowas lässt natürlich andere wirkliche und schwerwiegende Verbrechen wie Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug, Erschleichung akademischer Auszeichnungen wie müden, verzeihbaren Pillefitz aussehen (und wer möchte auch gerne von einem ermittelnden Komissar lesen, der tage- und wochenlang Akten wälzt um zum Schluss ein dickes, nüchternes Dossier vorzulegen, das dann in Ausschüssen zerredet wird und marginale Bewährungsstrafen – wenn überhaupt – nach sich zieht?). Die Eintönigkeit der Metzeleien hingegen trägt den Ennui am menschlichen Zusammenleben und dessen literarisches Spiegelbild auf ein ganz anderes Niveau; ähnlich wie die Benzinverknappung spritschleudernde SUVs hervorbrachte scheint momentan eine sich immer vernünftiger vegetarisch ernährende, gewaltlose Zivilgesellschaft ihre Gewalträusche mit literarischer Blutsuppe zu kompensieren.

Und dafür wird auf Großflächenplakaten geworben wie für Sanella.

Wiederholungstäter.

Wenn ich aufwache bin ich tot.

*jetzt wieder rückschließend auf Religion könnte man sagen: wer nicht verlinkt ist im Blog des Lebens, wird hinausgestoßen in die kommunikative Nichtexistenz.

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