Piraten!

10. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Glaubenssätze der Pastafarianer beinhalten einen hübschen Passus, in dem die Relation der Anzahl der Piraten zur Erderwärmung korrelliert wird. Wie in einem jeden Glaubenssatz, satirisch oder ironisch wie er auch immer sein mag, ist der Widerspruch zwischen Anspruch und Wahrheit enthalten: ähnlich wie heute keiner mehr ohne ein inneres Schaudern den Satz „Lasset die Kinder zu mir kommen“ aus dem Mund eines Kirchenvertreters hören kann, nimmt die Anzahl der Piraten nicht (wie bei den Pastafarianern vermutet) ab, sondern massiv zu, und damit meine ich natürlich nicht nur die armen Männer am Horn von Afrika oder dem malayischen Archipel, sondern die, welche man vor ein paar Jahren noch als „Grüne mit Internetanschluss“ belächelte.

Befinden sich die Piraten „auf Siegeszug“? Nein, Quatsch. Das politische Verhalten der Bürger hat sich einfach auf ein moderneres Niveau bewegt. Mehrheiten oszillieren schneller und extremer, die Leute bevorzugen Lösungen und lösen sich von der Dogmatik – „man wählt“ nicht einfach eine Partei, weil man das schon immer tat, weil „man so war“ – dieser Traum vom Stammwähler/Stammkunden/Stammtisch ist aus. Vor zwanzig Jahren waren Schulbildung, Beruf und Staat auf Langzeitbeschäftigung und Sesshaftigkeit angelegt. Die Leute, von denen man vor zehn Jahren Flexibilität, Änderungsbereitschaft, das Aufgeben von allem und jedem zugunsten neuer Chancen einforderte, zahlen heute den Kontinuität einfordernden Institutionen mit gleicher Münze (und Rendite) zurück.

Der Übergang zwischen der Anforderung „bleib stabil!“ und „werde flexibel!“, in den letzten Jahren der Herrschaft Kohls herausgezögert bis zum wörtlichen Gehtnichtmehr, hat viele Leute beruflich und privat aus der Bahn geworfen, für welche die Mehrheitspolitik nur Beschimpfungen, Verschleierungspolitik und Mildtätigkeit übrig hat. In dieser Zeit wandelte sich auch das öffentliche Bild des Politikers hin zum selbstsüchtigen Berufskriminellen, der den Staat nach Strich und Faden ausnutzen und seiner eigenen Klientel Nutzen zuschieben soll. Das hat er zwar meistens vorher schon gemacht, aber da war noch der Begriff „Klientel“ noch so weit gefasst, dass er eine nicht unbeträchtliche Zahl der „normalen“ eigenen Bürger umfasste.

Das schamlose Enrichissez-Vous der Kohl-Zeit führt heute dazu, dass sich eine durchweg heterogene politische Szene herausbildet: zum einen „Spätberufene“, die erst mit ca. 40-50 Jahren in die Politik einsteigen, weil sie das Elend einfach nicht mehr mit ansehen können, zum anderen Junge, die tatsächlich flexibel, intelligent und undogmatisch sind – und das dort einsetzen wollen, wo keine Dogmatik gefordert wird (dass hier auch eine Schnittmenge gibt, zeigen Leute wie der Frankfurter Stadtverordnete Martin Kliehm).

Deshalb sind die Piraten heute so attraktiv, deshalb sind die Abkürzungsparteien so unattraktiv, wenn nicht abstoßend. Deshalb wird ein Landesvater wie Kretschmann Ministerpräsident, deswegen mag niemand einen Rösler, der das Image eines milliardenverzockenden Investmentbankers einfach nicht los werden kann. Man kann davon ausgehen: wer heute nicht von der Seite einsteigt, sondern sich als Berufspolitiker hochgearbeitet hat, hat nichts vernünftiges gelernt und sollte sich was schämen.

Und zum Schluss des Ganzen ein paar Dumme-Werbung-Fotos, damit wir wieder was zum Lachen haben. Zum einen die einfache Aussage, „Gott sei Dank, es gab ’ne Ernte“, was an sich nicht schlecht ist, aber vom besten Argument für „du sollst dir kein Bild machen!“ begleitet ist (@neuapostolische Kirche), zum anderen „hab‘ ein gutes Gewissen, werde Kirchenmitglied!“ – hat nicht Jesus gerade gegen Selbstgerechtigkeit gepredigt?

Und dann noch ein Plakat, das wirklich aufrüttelt. Trotz alledem: keine Sorge, lieber Ulrich, ich tu‘ dir nichts.

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