Auf dem Mummpizzweg

13. Mai 2012 § Ein Kommentar

„Ich bin dann mal weg, wie es so schön heisst“ sagte ich, „Es war schön mit Ihnen, wie es so schön heisst“ antwortete sie, so hätte es länger hin- und hergehen können, aber dann hatte sie schon mein Geld und meine Schlüssel und ich war zur Tür hinaus. Die Tür war die des Hotels Huss in Limburg, das war vorgestern morgen; die Nacht zuvor war ich in der „Traube“ in Idstein, das kommt daher dass ich nach dem letzten Arbeitstag bei Namics nun zu Fuss nach Hause gehe, gegangen bin, zumindest einen Großteil der Strecke. Die Unterbrechungen waren von Eppstein nach Niedernhausen, von Montabaur nach Siegburg und von Porz Wahn bis Köln Deutz. Zurück bleiben immer noch runde hundert Kilometer, davon tut mir jetzt das Knie weh, das Herz ist ein bisschen melancholisch wegen des Abschieds von vielen lieben Leuten bei Namics und die Wanderlust erst einmal zufrieden.

Fernwandern hat es ja in sich. Spätestens seit Kerkeling den Jakobsweg wanderte (im familiären Sprachgebrauch ist „kerkelingen“ der Begriff für ÖPNV-Nutzung auf der Strecke) wähnt man alle Sorten Sinnfindung hinter dem einsamen Laufen. Den habe ich nicht gefunden. Ich habe nicht über mein bisheriges Leben und meine Beziehung zu Gott nachgedacht; ich bin mit meinem Leben zufrieden, fühle mich weder begünstigt noch erniedrigt, glaube nicht an Gott und möchte mir auch nichts vergleichbares her argumentieren. Zugegeben: ich habe während eines Großteils der Strecke (genauer gesagt, fast auf der ganzen Mainzer Landstraße) darüber nachgedacht, ob der englisch-französische Kalauer „vergoldete Hantel“ wohl lustig ist („Dumbell d’or“), nein, ich glaube nicht.

„Und warum machst du es dann?“ fragen mich die Sinnsuche-Untersteller. Weil es schön ist. Weil es ein intensives Erleben von etwas ist, was du sonst nur flüchtig wahrnimmst. Weil die Details in ihrer Zusammenschau ein anderes Bild ergeben als das „Große Ganze“.

Die Strecken waren relativ abwechslungsreich – die lange, lange Mainzer Landstraße, durch Höchst, am Liederbach entlang unmerklich in den Taunus rauf, dann Wald, Fachwerk, Kurorte; plötzlich dann die sanften Hügel mit den lieblichen Dörfern, nach denen ich mich vom Zug aus gesehnt hatte und von denen aus ich nun den ICE dahinbrettern sah wie ein Ding aus einer anderen Welt. Eine Kartenfehlplanung brachte mich an einer langen Strecke in die unmittelbare Nähe der Gleise, auf einen der parallelen Servicewege; da nannte ich das brüllend aus dem Tunnel schießende Ungetüm Shai-Hulud. Lange Jahre habe ich ihn genutzt wie eine schlechtere Straßenbahn, nun hatte ich wieder den gebührenden Respekt vor der Kraft, die diese Metallwurst mit 300 km/h über die Schienen schleudert, während drin keine größeren Probleme zu sein scheinen als die, dass man doch bitte im Bordrestaurant Kaffee und Kuchen haben solle.

Die sanften Hügel bilden bei Limburg zuerst scharfe Kanten, dann werden de Strassen richtig ungemütlich. Hier wird nicht Fahrrad gefahren, an-der-Straße-entlanglaufen geht gar nicht, die Straßen sind so eng, dass man – am flatternden Regenmantel erfasst – sich zu den Kreuzen der Kerstins, Olivers, Thorstens am Wegesrand gesellen könnte. Durch den Wald laufen mag weder meine nasse Kleidung noch meine wehen Füsse, aber muss. Montabaur liegt wie eine Perle im Tal, aber ringsum ist alles Muschel. Die Stadt ist auch nachgerade besoffen vom ICE-Bahnhof, der immerhin ein paar Mal am Tag Schlipsträger heran- und wieder wegkarrt; die schlechtesten Architekturzeichnungen der Welt legen dar, was für sonnige Zeiten voll Grün, Stahl und Glas in Montabaur bald blühen sollen.

Die langen Wege aus Städten heraus – in Städte hinein waren ernüchternd. In Innenstadtnähe flackern noch schnell Rotlichtbezirke, Dönerbuden, Läden auf, dann kommen die Autohändler, hier und da versetzt mit den übrig gebliebenen Kirchen geschluckter Vorort-Dörfer, Baumärkte, Wohnsilos für die Ärmsten. Die alten Dorfhäuser führen Zombieexistenzen. Dann kommen die Mega-Malls und die käsigen Industriegebiete mit Büros voller Scheißjobs, prekär bis zum Umfallen, Speditionen, Lagerhallen. Wie mit dem Messer geschnitten dann der Acker. Oft kann man noch sehen, wie hier einmal Obstwiesen und kleine Höfe standen, sie werden in die Verpappschachtelung hineingezogen und verschwinden.

Aber während jede Stadt diese Pisten in groß und klein kopierte, hatte jede Stadt auch was besonderes: die irre Menge an Pfandleihhäusern aller Dimensionen z. B. in Höchst und Liederbach, das schneckenfette Idstein mit einer blankpolierten Innenstadt voller Frauen-Sinnkrisen-Läden (ich meine Esoterikramsch). Montabaur „auf Dope“ was die Zukunftshoffnung durch ICE-Anbindung angeht. Siegburg zu „Siegburg/Bonn“ degradiert, abseits der Bahngleise fehlt dann aber jeder Hinweis auf die andere Stadt. Keine Pfandhäuser, aber Billigläden. Und es ist ja Wahl, Plakate, seichtes Grinsen, auch welche von „pro NRW“, die habe ich gar nicht vermisst …

Zeit ist unterwegs nicht mehr so relevant, sobald man irgendwann irgendwo sein muss, gibt es Schmerzen, Elend, Herzklabaster. Am ersten Abend „musste ich“ in Idstein sein, habe mich überanstrengt und diese Narrheit bereut. Der Genuss der Tour kam, als der Zeitfaktor hintüber fiel, ich „irgendwann“ zwischen drei und sechs ankommen konnte, in einer Zeitspanne also, die man für die ganze Tour mit dem Auto braucht. Nicht das Tempo ist wichtig, sondern die Perspektive, und das hat keine metaphysische oder spirituelle Ebene, sondern eine ästhetische: ich habe weit über Täler und Hügel des Taunus hinweg geblickt, dabei gedacht: gestern war ich da. Heute bin ich hier.

Gestern war ich da. Heute bin ich hier. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

 

Advertisements

Tagged:, , , , , , , ,

§ Eine Antwort auf Auf dem Mummpizzweg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Auf dem Mummpizzweg auf Der alte Montagsfisch.

Meta

%d Bloggern gefällt das: