Baroque style is with more ornaments

12. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wann ist ein Design zeitlos? Nicht, wenn es in jede Zeit hineinpasst, sondern wenn es jeder Epoche was zu bieten hat. Anschließend kann man sich darüber streiten ob es sinnvoll ist, sichtlich außerhalb der aktuellen Epoche zu sein scheinendes zu gestalten, nichtsdestotrotz gibt es sichtlich einen Markt sowohl für Retro- als auch für Skeuomorphismen. Beide werden mit dem Argwohn des Verrats beäugt, als wäre es nur ethisch, modern zu gestalten. Aber was ist modern?

„Weniger ist mehr!“ fällt jetzt häufig als einer der nächsten Sätze in der Gegenargumentation. Weniger ist sicherlich mehr Arbeitsersparnis. Schlicht und sparsam gestaltete Dinge stehen meistens in Bezug zu zwei Phasen hohen Arbeitsaufwands: der Reduktion auf das Wesentliche einerseits und dem täglichen Bemühen des Anwenders andererseits, mehr als das Wesentliche aus dem Ding herauszuholen. Betrachtet man sich die (übrigens zeitlose) Gestaltung des Sonoro Musikdingens, fällt einem die Eleganz und Schönheit des Geräts auf – auf den zweiten Blick und fünf Minuten Bedienbemühung auch die horrende Nutzerfeindlichkeit der Fernbedienung.

Ganz unter uns, sowas hätte es im Barock nicht gegeben. Es hätte Schnörkel gegeben, Einfassungen, flatternde Fahnen und Karyatiden, aber es wäre auch einem Blödmann klar geworden wo die Hauptfunktionen liegen, was man noch machen kann und was auch noch ganz nett ist. Das ganze wäre ebenfalls ein handwerkliches Meisterstück geworden, hätte vermutlich einige für heutige Nutzungsgewohnheiten ungewohnte Dinge drin (Kurbeln, Drehräder) aber es wäre eindeutig leichter zu nutzen gewesen als der schicke rätselhafte Dominostein.

Ich will mit diesem „Rant“ hier weder dem Gelsenkirchener Barock fürsprechen noch für eine Rückkehr zum richtigen Barock plädieren; ersteres ist ein zu lebendiges Beispiel dafür, dass der letztere eine vergessene Kunst ist (Kunst bleibt nur dann lebendig, wenn die Leute sie pflegen, nicht wenn sie reanimiert wird). Was mir wichtig ist: scheinbare Realitätsanmutungen wie haptisch gestaltete Interaktionselemente, in wahrnehmbaren Schichten angeordnete Layouts, scheinbare Vorder- und Hintergründe helfen bei der Orientierung, geben Perspektive, ermöglichen Zielführung, Unterstützung und – nicht zuletzt – bieten was für’s Auge. Es ist weder unlauter noch antimodernistisch, so zu gestalten, dass Sachen einfach und angenehm erscheinen. Das Auge will spielen, es liebt Formen, es freut sich über Muster und Ähnlichkeiten, über Oberflächen und Anfassbarkeit.

Natürlich ist ein rechteckiger Logistik-Port schneller zu entwerfen als, bspw., Schloss Schönbrunn. Und natürlich ist es nicht legitim, alle möglichen Barockdinger von der Dresdner Frauenkirche über Schloss Potsdam, Berliner Stadtschloss, Potsdamer Garnisonskirche wieder aufzubauen: die Sehnsucht nach dem geliebten historischen Stadtbild wird von politischem Konservatismus zu eigenen Zwecken missbraucht. Mir geht es eher darum, nicht aus gestalterischer Attitüde einen entstehenden Formenreichtum ins Nichtüberlebensfähige zurückzustutzen. Es gibt eine Arroganz der Reduktion, eine Eitelkeit der Einfachheit: diese vereint Freud- und Phantasielosigkeit mit intellektuellem Dünkel und Elitismus.

Ich fordere dazu auf, nicht dabei mitzumachen.

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