„Die letzten Tage der Eule“

19. April 2013 § Ein Kommentar

Ich muss das hier einfach hinschreiben, denn ich bin hin- und hergerissen zwischen der politischen Freundschaft und dem literarischen Gewissen. Das ist eine Rezension von Nils Leifheit-Opitz‘ Buch „Die letzten Tage der Eule“ – und leider fand ich es nicht gut. 

 

Historische Literatur ist ein schwieriges Terrain. Der Rückgriff in die Geschichte wird genutzt, um Mythen festzuschreiben, gleichviel ob es sich nun um Mythen der Ritterlichkeit wie im originalen „Nibelungenlied“, um Mythen des Urchristentums wie in Bulwer-Lyttons „Letzten Tagen von Pompeji“ oder der kulturellen Katastrophe der Spätantike, wie nun in Nils Leifheit-Opitz‘ „Letzten Tage der Eule“, handelt. Geschichte ist grundsätzlich der Gegenspieler dieses literarischen Historismus; die Autoren reiten auf des Messers Schneide von Verfälschung, Legenden-Interpretation und Faktenverknüpfung; die ultimative Demut des „Ich weiss es nicht – ich kann es nicht wissen“ wird dem Geschichtenerzählen untergeordnet. Die hier erzählte Geschichte transportiert eine absichtsvoll formulierte Botschaft. Von Stil und Lehrhaftigkeit des Inhalts ist sie deutlich an Jugendliche addressiert – und nimmt den mannhaften Versuch auf, Licht in die Verdunklung der Welt durch die Kirchen zu bringen.
Nils Leifheit-Opitz‘ „“Die letzten Tage der Eule“ ist formal ein typischer historischer Roman: die Identifikationsfigur Quintus Aurelius, Sohn des Wirtes und Händlers Titus aus der Civitas Vangiones (Worms), wächst auf, erlebt Abenteuer und zwei große Lieben (zu seiner späteren Frau Lykke und zu Büchern), findet Freundschaften, durchreist auf der Suche nach Lykke und Büchern die ganze antike Welt, verfasst gegen Ende seine Lebensgeschichte und wird wundersam erhalten in einem Wormser Bücherschatzkeller wieder ausgegraben. Die beiden Archäologen vor Ort bilden eine Rahmenhandlung in der modernen Welt und formulieren eigentlich nur den Wunschtraum des Autors, dass doch nicht alles verloren gegangen sein möge, dass man jetzt, wo die Kirchen keine prägende Macht mehr besitzen, an das Wissen der Antike anschließen möge. Diese Sehnsucht ist offensichtlich, ehrlich und herzlich. Über diese Sehnsucht zu urteilen steht niemandem an, es ist das Vorrecht des Autors, sein Glück herbeizuschreiben. Man muss es als Leser nicht automatisch mögen.
Historische Akribie ist im Buch nicht gegeben. Mitglieder der örtlichen Miliz sind „Legionäre“, die Namen der Personen sind nach Wohlklang verteilt und nicht nach dem komplexen römischen System, Handelsreisende bewegen sich im Blitzkuriertempo. Realismus ist nicht gegeben: der Held Quintus steckt stets voller Energie, auch wenn er nachts schreibt und tagsüber seinen Laden schmeißt, seine Taschen sind unterwegs immer voller Geld, seine Freunde sind so treu wie Schäferhunde und seine Liebe so groß wie die Welt. Letztendlich ist es aber die Crux des Buches, ideologieverhaftet einen kirchenfeindlichen Gegenmythos zum „lichtbringenden Evangelium“ darstellen zu wollen: die Kirchenvertreter sind allesamt dumm, borniert und böse, Heuchler, Diebe, Mörder und geschlechtskrank. Die Christen sind meistens nur dumm. Die hier und da verstreuten „Anhänger der Eule“, Lehrer, Bibliothekare und Weise hingegen sind allesamt aufgeklärt, milde, scharfsinnig und vertrauensvoll. Der Bruch zwischen beiden Lagern ist drastisch und scharf: nur wenige Figuren des Buches verkörpern ein mildes, tolerantes Christentum (eine davon ist Quintus‘ fern geliebte Lykke).
Bei aller Sympathie zu Nils und seinen Ansichten, in diesem Buch geht er „over the top“ in der Einseitigkeit der Schuldzuweisung für den Verlust antiker Weisheit: dem unbestreitbaren spätantiken „Talibanismus“ ging eine kulturelle Barbarisierung Roms voraus, in der bereits Bücher vernichtet und vernachlässigt wurden. Diese Rigidität blendet einige interessante Zwischentöne aus, die zweifellos angebracht gewesen wären: die „Evolution“ des kirchlichen Ritus z. B., der sich aus dem umfangreichen und streng formalisierten Schatz der Antike bediente (niemand sollte annehmen, dass die antike Religion der vielen Götter eine aufgeklärte, lockere Mach-Mal-Geisteshaltung gewesen wäre) oder die Romanisierung der Barbaren. Letztere sind bei Nils Leifheit-Opitz oft genug blonde Recken oder olivhäutige Schönheiten; er vermeidet zwar negative Stereotypen (außer bei Kirchenvertretern), doch die positiven sind auch schon unangenehm.
Trotz alledem und alledem: nach einem holprigen Start wird es durchaus spannend und humorvoll, man gönnt dem guten Quintus seine Lykke und trauert mit ihm um ihren Verlust (und freut sich über das anschließende Wiederfinden). Die Charaktere mögen nicht viel Tiefe haben, aber sie haben Schwung. Über die bunten Reisen und Besuche der verschiedenen Orte der antiken Welt kann man sich freuen. Dass Quintus zwischendurch bei der alexandrinischen Mathematikerin Hypatia in die Kiste springt ist ihm nicht zu verdenken, trotz aller weiblicher Rundungen ist die Ärmste aber leider die platteste Figur des ganzen Buches und wahrscheinlich hauptsächlich zum Zweck des erotischen Aufpeppens hineingeschrieben. Gegen Ende des Buches setzt dann das große Sterben ein, damit Quintus beim Abschied von der Welt nicht um allzuviele Leute trauern muss. Kein Strang bleibt offen, das Bild ist rund.
Das alles macht das Buch zu einem guten kirchenkritischen Jugendbuch, wenn man unbedingt ein kirchenkritisches Jugendbuch lesen oder verschenken möchte. Das Label eines „historischen Romans“ wird nicht weiter gestresst, als es das Genre ohnehin schon tut (das ist vielleicht die vernichtendste Kritik dieses Textes). Empfehlen kann ich es nicht, da ich nicht garantieren kann dass die offene Feindschaft zu den Kirchen im Buch nicht vielleicht bei den anvisierten Jugendlichen eine Abwehrreaktion erzeugt (ich erinnere mich daran, dass ich bei den religiösen Römerbüchern meiner Kindheit immer über den Jesus-Zuckerguss stöhnen musste). Ich wünsche dem Buch allerdings, die Tür aufzustoßen für viele andere kirchenkritische Kinder- und Jugendbücher und eine Zukunft, in denen Religion eine geringere und Menschlichkeit eine immer größere Rolle spielt.
Wer das Buch auf Amazon haben will, kann es sich dort bestellen, dafür braucht es hier keinen Link. Kauft es Euch aber lieber im Buchladen an der Ecke, genauer gesagt: bei mir an der Ecke im Buchladen Blücherstraße in Köln
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