Lobgesang auf Weihnachtslieder

9. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wisst ihr, weshalb ich so lange nichts geschrieben habe? Vor ein paar Jahren habe ich noch in einer schönen Internetagentur in Frankfurt gearbeitet, dort wurde eine Kultur des Schreibens und Mitteilens gefördert – und durch vier Stunden Zugfahrt jeden Tag hatte ich Zeit fürs Schreiben (wenn auch häufig genug abfälliges Zeug, und besonders über das Bahnfahren). Dann arbeitete ich in einem Bonner Moloch an einem Geheimprojekt, Schreiben darüber war und ist strikt untersagt. Dann nahm ich mir vor, nur Positives, Gutes, Förderliches zu schreiben bzw. zu zeichnen. Solche Vorsätze sind ein Schuss ins Bein.

Doch vor einigen Tagen geisterte ein Aufruf der Lieblingsband Erdmöbel durch Facebook, am diesjährigen Weihnachtsvideo mit herumzukomparsen; das war schon fast ein Befehl für Ms Rosen und mich. Der Dreh sollte am Eigelstein stattfinden, wo Ms Rosen ihre Praxis hat und wo auch die Erdmöbel hausen. Übermotivation wurde erzeugt durch (ein wenig) Wodka und Spekulatius, der eingängige wie mysteriöse („Jesus war ich schon“? grübelten verkleidungsroutinierte Leute) Refrain (wie auch immer) geübt und nach einer Stunde war‘s im Kasten. Mehr muss ich dazu nicht sagen, denn das Video singt für sich selbst.

(Bei 2:36 tritt Sabine mit dem bemerkenswertesten gelben Puschelhut auf, der in Köln zu sehen ist).

Erdmöbel machen gerne Videos zu ihren Stücken und gerne Weihnachts-und-Neujahrsvideos mit Liedern, die es sonst nicht zu kaufen gibt. Dieses Jahr ist es eine Ausnahme oder der Bruch mit der Regel (muss auch mal sein). Und es war eine erste Großproduktion mit veritablen Massenszenen à la „Spartakus“. „Fräulein Frost“ letztes Jahr war da deutlich kleiner im Format, versonnener:

Einen der ältesten Songs kann man leider wegen GEMA-Spassverderbe nur noch als Making Of im Internet finden (aber dafür als Single bei iTunes kaufen, es ist eine der wenigen Adaptionen des alten Wham! Hits die nicht allein durch Ohrenzucker fett und kariös machen). Ekki Maas ist glattrasiert, das muss man sich mal vorstellen.

2011 sitzt da auf einmal die schöne Maren Eggert und singt ein Duett mit Markus Berges. Wo ist die hergekommen? Woher kennen die die? Warum singt die eigentlich da mit? Für mich ist das eines der besten Bilder für die Schönheit der Werke der Erdmöbel: sie ist einfach da, schaut einem tief in die Seele, findet da die seltsamen Worte, die man kennt und vergessen oder übersehen hat. Und was ist das eigentlich für würfelförmiges Zeug in der anderen Schale auf dem Tisch?

Markus Berges schreibt die Texte, er ist es, der Ortsnamen wie „Oer-Erkenschwick“ an tragender Stelle in den Song integriert und mit zwei Zeilen „Auch hier hat man Läuse / Nachts Wüstenrennmäuse“ präzise Alter, Situation, Kleinstadt und Melancholie von Eltern und Kindern beschreibt. „Der letzte deutsche Schnee“ ist gar nicht so melancholisch, hier ist das Video wirklich getragener als das Lied.

Gegenbeweis: gerade hat man die Schublade mit „Emo und nicht leicht zum Mitsingen“ halbwegs wieder zu bekommen, kommt der heilige Nikolaus auf seinem Schlitten. Wie heißen die acht Rentiere, die den Schlitten ziehen?

Natürlich finde ich es toll, dass die Bandmitglieder hier in der Gegend in Köln wohnen und im Alltag eher weniger auffallen (ok, Ekki Maas ist da die Ausnahme, sein Bart zeigt den Hipstern was Sache ist). Irgendwie passt Münster auch zur Vorgeschichte, dort gibt es diese melancholische und brüchige Schönheit, die sich mit kölschem Frohsinn (und Terror) so bezaubernd verbindet. Positive Erlebnisse stärken die Bindung: viele Freunde mögen die Möbel. Moni Wallberg macht manchmal Bühnenkleider für sie. Im Radio wurde das Buch von Markus Berges verlost und ich hab’s gewonnen (ich hätte es auch gekauft). Auf dem Konzert das letzte Perkussions-Streichholzschächtelchen zugeworfen bekommen. Einmal gab es sogar ein Konzert in meinem Heimatort, und als Markus Berges den Abend eröffnete „Wir sind Erdmöbel – und kommen aus Köln ins Lorsch“ stürzten all die Jahre meiner Lorscher Kindheit und Jugend zusammen.

Doch es sei mir fern, irgendwas wegen seines Lokalbezuges gut zu finden, erst Recht nicht wegen Köln, ich finde diesen Flönzpatriotismus Scheiße und hege eigentlich Bewunderung für Wuppertal, wo alle verrückten und kreativen Leute herkommen – aber erstens verlassen sie fast alle Wuppertal und zweitens, Thomas Spitzer kommt aus Regensburg. Egal. Wir waren es und wir werden es bleiben: Internationalisten.

Erdmöbel spielen am 18.12. um die Ecke in der Kulturkirche, Sabine und ich haben Karten, wenn ihr auch welche habt sehen wir uns da.

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