Keine Angst vor dem Universums-Stulp

22. Februar 2014 § Ein Kommentar

Wieder muss ich Wuppertal preisen, diese merkwürdige Stadt, die wenig von sich reden macht, die selten in Schlagzeilen gerät, die sich nicht unter die Angeberstädte im Bund mischt, welche große Projekte oder zumindest große Skandale beheimaten; Wuppertal, das es unter diesem Namen noch keine hundert Jahre gibt, das schon schwebebahnte, als man in Köln noch lange nicht u-te, in dem getanzt wurde, als alle anderen schwanenseeten.

Ich möchte ums Verrecken nicht in Wuppertal wohnen, dafür ist die Stadt einfach zu bestürzend hässlich. Alle Städte sind bestürzend häßlich, wenn man abends im Februar bei Regen hereingefahren kommt, aber Wuppertal legte noch eins drauf. Angeblich wurde hier die Industrialisierung Deutschlands erfunden, nun, in Wuppertal ist sie gelungen, die Stadt sieht ziemlich industrialisiert aus.

Also preise ich nicht die Schönheit Wuppertals, was dann? Geist, Erfindergabe, Witz? Ja genau. Und die Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit (so übersetzt Wikipedia „Chuzpe“) Neues zu machen.

Als ich davon erfuhr, dass im städtischen Opernhaus Eugen Egners „Universums -Stulp“ aufgeführt werden sollte, bestellte ich fast umgehend Karten und erhielt zwei der letzten zehn. Eugen Egner ist einer der Autoren, die ich am meisten verehre. Alle paar Jahre erscheint von ihm ein Buch, meistens mit Kurzgeschichten, in einem anderen Verlag; in etwa einem gleichen Takt strahlt der WDR Hörspiele aus, von denen ich nur zu spät etwas mitbekomme und die dann nur höllisch schwer aufzutreiben sind. Alle paar Wochen erscheinen sehr kurze Geschichten in der „Wahrheit“, der letzten Seite der „taz“, die ich mitunter nur aus diesem Grunde abonniert zu haben meine; monatlich erscheinen Zeichnungen Egners in der „Titanic“, dafür reicht die Begeisterung dann doch nicht.

Stuck im Wuppertaler Opernhaus

So sieht es im Wuppertaler Opernhaus aus

Egner spielt auch in einer Band mit, „Gorilla Moon“, aber meine persönliche Meinung ist, dass er das lassen sollte und lieber schreiben.

Gleichviel.

Dass Egners „Der Universums-Stulp“ in eine moderne Oper verwandelt werden konnte vermuteten außer denjenigen, die es dann taten, wahrscheinlich nur wenige. Dass diese Oper dann in Wuppertal uraufgeführt werden konnte, war schon wahrscheinlicher (wo sonst?). Es haben sehr gute Künstler dran mitgearbeitet, z. B. der Komponist Stephan Winkler, der Regisseur Thierry Brühl, der Bühnenbildner Bart Wigger und das Ensemble Musikfabrik. Die SängerInnen sangen und spielten, als ginge es um ihr Leben. Ohne auf nähere Details der Handlung einzugehen kann ich behaupten, dass der Abend ein großartiges Erlebnis war, das den Weg nach Wuppertal (ca. 40 km von Köln) lohnte. Vor allem hätte sich in Köln nie jemand getraut, ein solches Stück auch nur mit der Grillzange anzufassen.

Einführung in die Oper

Eine Einführung in die Oper

Über den Inhalt des „Universums-Stulp“ sage ich nichts, aber: wer hier meint, einen „absurden Spaß“ oder „schwarzen Humor“ zu entdecken, täuscht sich, und wer als Journailist so etwas seinem wehrlosen Publikum auftischt, täuscht dieses.

Es geht um Drogen, Mord, Tod; das skrupellose Erschaffen und Vernichten von Leben. Es geht um Gier, Illusionen, Eitelkeit und dumpfe Brunst. Vergnügungssucht. Religiösen Wahn. Politische Gewalt. Künstlerische Leere. Und nur wer sich preussischster Starrsinnigkeit oder kleinparteilichster Engstirnigkeit befleissigt (bzw. damit geschlagen ist) erkennt nicht, dass das als „absurd“ bezeichnete Stück einen tiefen Realismus innehat, der ehrlicher, wahrhaftiger und unverblümter daherkommt als das, was man auf „Tagesschau“ angucken kann.

Zweite Hälfte des Stückes

Zweite Hälfte des Stückes

Weitere Aufführungen sind am 07. und 30. März, am 04. März gibt es eine Abendveranstaltung mit Egner und Winkler, bei der ich, scheiße, leider nicht dabei sein kann; ich hoffe sie wird von einem verantwortungsvollen Sender aufgezeichnet und zu besten Sendezeiten gebracht oder zumindest von Anwesenden gefilmt und auf Youtube gestellt.

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§ Eine Antwort auf Keine Angst vor dem Universums-Stulp

  • Da Wuppertal, wie du so schön sagst, sich nicht unter die Angeberstädte mischt (obwohl es immer ernsthafte Bestrebungen dahin gibt), pflegt es seine Schönheit wirkungsvoll vor dem Fremden zu verbergen. Gibt der sich also dem Leichtsinn hin, die Stadt ohne kundige Führung zu besuchen, bestürzt sie ihn mit ihrer ganzen Hässlichkeit.

    Indes sei gewiss: Wuppertal ist eine Perle, die entdeckt werden kann. Vielleicht auf einem Stadtspaziergang beim nächsten Besuch einer abgefahrenen Kulturveranstaltung. Einstweilen besten Dank für die dennoch schmeichelnden wie treffenden Worte zu Wuppertal und seiner Kultur.

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