Drei Aspekte von „Abgehobenheit“

17. April 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

1. Trends

Komplexe Anforderungen und jüngst erfundene Lösungsmöglichkeiten ergeben oft zeitgebundene Designs. Eine komplexe Anforderung könnte sein, ein „auf mich zugeschnittenes Möbelstück“ zu entwerfen; da der Designer gerade in einer Hybris-Phase ist, sieht evtl. jedes Möbelstück wie ein Thron aus. Eine andere Aufgabe könnte sein, „lass die Headline toll heraustreten“, da der Designer kurz vorher gelernt hat, Schatten unter die Schrift zu setzen, bums, hat die Schrift ’nen Schatten. Au weia!  

Alle möchten gerne zeitloses Design machen, alle schütteln sich, wenn sie es ein paar Jahre später sehen: puh, da steht ein Nierentisch! Eine bizarre Form, für alle unverständlich, die nicht gerade genau denselben Design-Hintergrund haben wie der Gestalter. Geschaffen aus einer Mode heraus, von der man noch nicht annahm, dass sie eine Mode sei, es war nur irgendwie das Beste, was es je gab. Dieses „Beste“ war, in chronologischer Reihenfolge:

– in den 50ern: abstrakte Kunst als Gebrauchsgrafik,
– in den 60ern: Farb-Offsetdruck und Siebdruck,
– in den 70ern: Trickblenden im Film,
– in den 80ern: Memphis-Design,
– in den 90ern: Word Art in DTP und animierte Logos im Fernsehen,
– in den 00ern: Flash und Intro-Sites,
– Anfangs der 10er: Skeuomorphismus.

„Zeitlos“ wäre also, was es schafft, entweder a. keine Reibungsfläche zu nachfolgenden Moden zu bieten, oder b. genügend Projektionsfläche zu besitzen, damit neue Interpretationen und Sichtweisen abgebildet werden können. 

a. Biedermeiermöbel sind zeitlos: sie sind schlicht, funktional und überzeugen durch Material und Proportionen.

b. Star Wars ist zeitlos: einer schlichten Story sind reichhaltige Möglichkeiten der Erweiterung und Erneuerung zugeordnet.

Das Problem mit a.: Material und Proportionen sind heute Sachen, die den Gentrifizzies im „Manufaktum“-Kundenstamm vorbehalten sind; Android-Design z. B. ist im Gegensatz dazu eher eine Minimierung der Möglichkeiten, Fehler zu machen, als wirklich zeitlos.

Das Problem mit b.: wenn die schlichte Story schlicht erweitert wird, ist die Enttäuschung umso größer (dass es auch anders geht, zeigt „Game of Thrones“). 

Als Positivbeispiel wähle ich LEGO. Der große Erfolg von LEGO ergibt sich u. a. daraus, dass a. und b. in einer glückliche Kombination zusammenkommen: der einzelne LEGO-Stein ist ausgewogen, in sich harmonisch und einfach; die Anwendung der LEGO-Steine ist das absolut vielfältigste, was möglich ist. Nicht von ungefähr ist Star Wars LEGO eine ideale Verbindung (und besser als alles, was J. J. Abrams brauen kann).

 

2. Anbiederung

Im Kommunalwahlkampf ist der CDU in der Litho der Strich verrutscht:

Sowas kann passieren

Das passiert schonmal.

Obendrein wundert mich der Claim „Wir leben diese Stadt“. Entweder ist es ein Druckfehler („Wir loben diese Stadt“) oder aber „leben“ wird als transitives Verb begriffen; eine Steigerung des Partizip Perfekt davon wäre also „verlebt“. Das kommt hin. Während der CDU-Herrschaft wurde unendlich viel Geld aus öffentlichen in private Taschen gepumpt, die Stadt ist seitdem um einiges verlebter geworden.

Für eine verlebte Stadt.

Für eine von der CDU verlebte Stadt.

Die SPD lässt auch etwas weg in ihrer Aussage:

Ihr könnt uns auch.

Ihr könnt uns auch.

Offen bleibt nämlich, was diese Partei Köln einmal wirklich kann. „Buckel runter rutschen“ ist da noch das Netteste.

Aber vielleicht ist es auch gar nicht so erstrebenswert, in Köln zu regieren. Schließlich sind die Kölner ein Volk von Weichduschern.

 

Weichduscher!

Ey Du Weichduscher!

 

3. Heißluftballonfahren

Nie im Leben hätte ich gedacht, dem Karnevalsliedtext Wicky Junggeburths aufzusitzen, zu sehr war ich „Immi“ und stolz darauf, nicht am Flönzchauvinismus teilzuhaben. Doch dann schenkten mir die Ex-Kollegen der guten Agentur Namics einen Erlebnisgutschein und knapp zwei Jahre später hob es Sabine und mich am Butzweilerhof in die Lüfte, nieder gingen wir in Flittard. In der anschließenden Ballonfahrertaufe wurde mir der Name „Prinz der Lüfte Jan hocherhobener Himmelsstürmer über dem heilige Kölle“ zuteil. Sowas!

Das Ballonfahren kann ich allen empfehlen, die vom Fliegen träumen, es ist ein ausgesprochen schönes Erlebnis, auch wenn man vielleicht feststellen muss, dass die Welt zu einem erstaunlich großen Teil aus Güterbahnhöfen und Schrottplätzen besteht. Von oben ist das alles einerlei. 

Die fliegende Kopfschmerztablette

Die fliegende Kopfschmerztablette

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