Ein Pfund Lyrik

1. Februar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Jetzt geht es um schwere Literatur. Von den 3,58 kg gekaufter Bücher in diesem Monat verteilen sich 1,38 kg auf Kochbücher, 1,5 kg auf Fachliteratur und 0,7 kg auf Belletristik, davon 0,5 kg Lyrik. Das ist natürlich ein unfairer Vergleichsmaßstab; Kochbücher (Ottolenghi) sind ohnehin schon schwere, raumgreifende Dinger die aufgeklappt liegen bleiben können müssen – Lyrik gehört in schmale Taschen, um kalorienlos zum Kaffee gereicht oder in verlassenen Bushaltestellen weit nach Mitternacht gelesen werden zu können. Es ist der Snack unter den Wortnahrungsmitteln, konzentriert mit irgendetwas aus dem menschlichen Sinnbedarf: Liebe, Schönheit, Glaube, Ballaststoffe. Ich empfehle hier die beiden Lyrikbände, und wen ich dabei erwische wie er/sie sie bei Amazon bestellt, dem kündige ich die Facebookfreundschaft.
Markus Berges – Liebeslieder
Wer kennt sie nicht, die schwebend-schweren, in sich leuchtenden Texte der Gruppe Erdmöbel? Viel zu viele kennen sie nicht. Einerseits sollten sie viel mehr Leute kennen und lieben so wie ich es tu, andererseits sind schon jetzt die Konzerte in der Kulturkirche Nippes viel zu schnell ausverkauft. Erdmöbel sind ein Tipp, der sich schon meilenweit über das „Geheim“ erhoben hat: fleißige, gestandene Männer, auf deren stetige und qualitätsvolle Produktion man sich verlassen kann. Und die – trotz aller bürgerlicher Erdung – jedesmal ihr wachsendes Publikum verlässlich und sicher vom Hocker reißen.
Markus Berges ist der Kopf der Gruppe, was nicht heißen soll, dass die anderen keine Köpfe hätten (sie nennen ihn aber selber so) und das dünne Büchlein umfasst viele Texte, die dem Erdmöbelfan (mir) in dieser Form von Fast-Auswendigkeit im eigenen Kopf stecken, welche beim Abspielen des Liedes alle Glocken klingen, aber noch nicht mitsingen lassen. Die Texte sind saumäßig schwer und lassen ahnen, dass das Licht der Welt auf ganz besondere Art durch Berges’ dicke Brille fällt – ich finde das natürlich grandios, ich kann es auch verstehen, dass es nicht jedermanns Sache ist, aber Jedermann mit seinem Atemlos-durch-die-Nacht Geschmack tut mir dann von Herzen leid.
markus berges, liebeslieder, AISTHESIS VERLAG, ISBN 978-3-89528-916-3
Fritz Eckenga – Mit mir im Reimen
Der Autor fand die Stiefel von Robert Gernhardt, der sie von Christian Morgenstern erbte, er füllt sie aus und stiefelt damit durch die Landschaft, die Gedichte sind selten mehr als eine Seite lang und eignen sich prima zum Merken, Aufsagen, falsch Zitieren, denn in Wirklichkeit sind sie viel gerissener und komplexer als es auf den ersten Anles den -schein hat. Das Buch ist so handlich und schön wie eine alte Goetheausgabe, mit Leineneinband, dünnem Papier, feingliedriger Typographie – wäre da nicht die krakelige Kahl-Karikatur auf der Titelseite, man könnte es wirklich für irgendwas halten, das aus Opas Bücherschrank der Hundertjährigkeit entgegenstrebt.
Süß sind die Gedichte nicht, grazil und leicht auch nicht gerade, dafür schwungvoll, kraftvoll und zum Umgeschmissenwerden witzig. Die Frage ist auch hier: wird das gewürdigt? Hat Fritz Eckenga den Hauch einer Chance, so beliebt und berühmt zu werden, wie es Christian Morgenstern/Joachim Ringelnatz waren, oder ist seine Kunst ein durchgeknallter Anachronismus? Es stellt sich heraus: so beliebt waren auch Morgenstern/Ringelnatz zu Lebzeiten gar nicht, die wurden nur nach dem 2. Weltkrieg gehyped, um über den grauenhaften Kulturverlust hinwegzutäuschen. Na gut, um Fritz Eckenga berühmt zu machen, wünsche ich keinen Weltkrieg herbei, die Maßnahme wäre übertrieben. Aber es ist schon ein wirklich sehr schönes dickes kleines Buch. Und der Autor ist längst nicht so dick wie seine Essens-Gedichte vermuten lassen.
Fritz Eckenga, MIT MIR IM REIMEN, Verlag Antje Kunstmann, ISBN 978-3-95614-027-3
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